Using smart home app on phone. Smart home control concept.

Smart Design und Smart Produktion

Das Weben stand am Beginn der ersten industriellen Revolution. Webstühle wurden dank Dampfmaschine mechanisiert, die Stoffproduktion industrialisiert. Das Web steht am Beginn der vierten industriellen Revolution. Dank Internet sind Produkte, Maschinen und Fabriken vernetzt, Prozesse finden automatisiert und optimiert statt. „Industrie 4.0“, „Internet der Dinge“, „Smart Production & Services“ – das neue Zeitalter digitaler Vernetztheit trägt viele Namen. Unbestritten ist die Geschwindigkeit der Veränderung. Zukunft ist nicht mehr die lineare Fortschreibung des Bestehenden, sondern das offene Ergebnis einer sich beschleunigenden Dynamik. Transformationsprozesse, die wahlweise als Bedrohung oder als Chance wahrgenommen werden. Der digitale Wandel, ein disruptives Ereignis, das sukzessive alle Wirtschafts- und Lebensbereiche erfasst.

Simulation, Modellierung, Plattformisierung oder Additive Manufacturing lauten einige der Werkzeuge dieser vierten industriellen Revolution. Fast allen gemeinsam ist, dass sie von Kreativen in den Werkzeugkasten der Smart Factory gelegt wurden. Von Tüftlern, Bastlern und Denkern kreierte Lösungen sind die Triebkräfte des technologischen Umbruchs. Viele von ihnen starteten in Kellern und Hinterhof-Garagen, wurden zu Beginn oft belächelt und als „Spinner“ abgetan. Praktisch leisten sie mit ihren Errungenschaften Großes und metaphorisch schließen sie den Kreis vom Weben der ersten industriellen Revolution zum Spinnen als Basis für die vierte. Weben 1.0 und Spinnen 4.0. Das Hauptprodukt einst: Stoffe. Der Stoff heute: Immatierielles wie Software-Programme, Anwendungen, Solutions, Plattformen, Apps, Services, Brands etc.
Tatsächlich sind die Protagonisten der Kreativwirtschaft – Entwickler, Forscher, Programmierer und Designer – die Schöpfer und Ermöglicher des neuen technologischen Zeitalters. Freelancer und One-(wo)man-Shows, oftmals in kleinsten Einheiten und flexiblen Netzwerken agierend, treffen auf Industriebetriebe zum wechselseitigen Nutzen. Jene entwickeln, designen, entwerfen und planen. Und beflügeln damit die Großen, die Großen wiederum stützen die Kleinen. Gleichzeitig bringen viele Kleine immer mehr Große und Etablierte unter Druck, da sie ihrerseits Geschäftsmodelle schaffen, die mittels skalierbarer Produkte und Dienstleistungen industrielle Größe annehmen können. Gestern noch Start-up, morgen schon Global Player – so die Best-Case-Logik im globalen Business 4.0. Eine Zahl belegt den fundamentalen Wandel: Fünf der zehn derzeit größten, nach Börsenkapitalisierung wertvollsten Unternehmen der Welt sind erst in den vergangenen Jahren aus Garagen-Start-ups der digitalen Neuzeit entstanden. Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft erreichen als Anbieter digitaler Plattformen enorme Macht und beinahe supra-industrielle Größe. (Dass sich darunter ausschließlich US-Firmen befinden, sollte Europa ohnedies zu denken geben.)
Kleine Einheiten und große Dimensionen – eine Besonderheit dieser technologischen Revolution ist das Aufheben scheinbarer Widersprüche. Unüberwindlich geglaubte Klüfte werden überbrückt. Kreative Einzelkämpfer und produktive Schwergewichte – noch nie waren die Schnittstellen durchlässiger, die Synergien größer und damit die Kooperationsmöglichkeiten chancenreicher. Das Business der Zukunft – ein fluides System flexibler, wendiger Ideenschmiede und potenter, produzierender Großbetriebe. Das beste zweier Welten: Smart Production und Smart Design reiten gemeinsam in den Sonnenaufgang einer neuen Epoche.

3D-Drucker und E-Mobility
Das Beispiel des 3D-Druckers zeigt die Chancen dieser neuen Allianz und steht prototypisch für das smarte Zeitalter. Das sogenannte „additive Fertigungsverfahren“ erlaubt eine hochindividualisierte Produktion, die sogenannte Mass Costumization, die Massenfertigung von Einzelstücken. „Losgröße 1“ ist damit längst Realität und trägt dazu bei, den Wirtschaftsstandort von Hochlohnländern zu sichern. Der 3D-Drucker, ein Produkt der Kreativwirtschaft, dient herkömmlichen Industrien ebenso wie deren Gebrauch viele Branchen radikal verändern wird. Da Ersatzteile künftig verstärkt aus dem 3D-Drucker kommen, stehen Ersatzteil-Management und Lagerhaltung im Kfz-Handel vor einem gewaltigen Umbruch – und damit ganze Branchen rund um Werkstättenbetriebe und Autohäuser. Ebenso wie die Prototypen- und Kleinserienfertigung in vielen industriellen Sparten. Smart Solutions für die Industrie!
Auch der gesamte Bereich der Mobilität wird von der fortschreitenden Digitalisierung auf neue Räder gestellt. Gesamtheitlich – von Entwicklung und Produktion bis zu Nutzung und Gebrauch der Fahrzeuge. Virtuelle Entwicklungsplattformen steuern via Simulation und Modellierung die Neukonzeptionierung von Fahrzeugen, intelligente Sensoren und Microchips in den Automobilen machen diese in der Verwendung sicherer, effizienter und autonomer. Entwicklungen für „Selbstfahrende Autos“ und Anwendungen rund um das Thema „E-Mobility“ sind eine aktuell stark frequentierte Spielwiese für kreative Entwickler und Designer auf der ganzen Welt. Diese designen nicht nur neue Anwendungen und Gadgets, sondern legen mit ihren Ideen den Grundstein für die Industrien des 21. Jahrhunderts.

Smart Cities for smart people?
Smart wird nicht nur die Mobilität von morgen, Smartness wird vor allem auch urbanen Räumen der Zukunft abverlangt. „Smart Cities“ boomen rund um die Welt, der Begriff geriet längst zum Buzzword von Politikern und Marketingexperten. Nicht immer zum Vorteil seiner tieferen Bedeutung. Die Frage nach seinem inhaltlichen Kern stellt sich daher mehr denn je, soll der Begriff nicht zum Allgemeinplatz im Smalltalk-Vokabular verkommen oder einer allzu eindimensionalen Auslegung zuneigen. Zweifellos, der Hype-Terminus „smart“ bedarf eines kritischen Blicks. Smart Home, Smart Living, Smart Shopping, Smart TV, Smart Meter, Smartphone, Smart People, Smart Everything. Aber was bedeutet Smartness im städtebaulichen Kontext? Wie viel Smartness braucht es bzw. wie viel ist den Menschen zumutbar? Wo wird Smartness zur Bevormundung? Wann greifen Algorithmen zu sehr in die Autonomie des Menschen ein und beschneiden selbstständiges Denken und Handeln? Tatsächlich kann Automatisierung zur Simplifizierung werden, wenn die Waschmaschine über ihren aktuellen Schleudergang twittert, der smarte Kühlschrank uns den geliebten Gouda aufgrund smart gemessener Körperfettwerte vorenthält und die Presseartikel von Online-Medien bereits von Algorithmen, gemäß eigener Präferenzen, vorsortiert wurden. Dient zu viel smarte Technologie am Ende gar nicht sogenannten Smart People, sondern fördert sein Gegenteil? Also Simple minds, deren Entscheidungsfreiheit sich sukzessive ebenso verengt wie deren Weltbild? Wohl nur dann, wenn die Bewohner smarter Räume dies auch zulassen. Echte Smart People werden sich zu helfen und smarte Tools zu händeln wissen und dadurch wohl noch smarter, weniger smarte Menschen hingegen könnten den vereinfachenden Effekten smarter Lebensassistenz erliegen und womöglich in eine Smartness-Abwärtsspirale geraten. Die provokante These: Smarte werden dank Smartness smarter, Weniger Smarte noch weniger smart. Unterm Strich: Das heute oftmals beklagte Auseinanderdriften der Gesellschaft wird wohl auch in Smart-City-Kontexten zu einer Herausforderung.

Soziale Inklusion
Oder sind wird nun selbst unversehens in die Smart-Begriffs-Falle getappt? In dem wir den Smartness-Begriff ausschließlich technisch ausgelegt haben? Ein vielfach erhobener und berechtigter Vorwurf. Schließlich wird smart – nicht zuletzt durch die sprachliche Smartphone-Assoziation – tatsächlich in Theorie und Praxis zu oft auf einer rein technologischen Ebene betrachtet. Ein Blickwinkel, der nicht nur nicht smart ist, sondern wesentliche Bezüge einer ganzheitlichen Smart-City-Betrachtung ausklammert. Schließlich umfasst diese nicht nur digitale Prozesse in der Heimelektronik und Haustechnik oder effiziente Energiemanagementsysteme, sondern geht weit darüber hinaus. Smart steht für einen umfassenden Lebensqualitätsbegriff, der vor allem
auch soziale und zwischenmenschliche Faktoren betont. Soziale Inklusion hat in einer Smart-City ebenso großes Gewicht wie eine ehrliche Nachhaltigkeitsanstrengung, die von smarter Mobilität bis zu Share Economy und Ressourcenschonung in allen Bereichen reicht. Auch die politischen Entscheidungsprozesse in einer Smart City sollten davon nicht ausgenommen sein und sich in transparenter und partizipativer Weise vollziehen. E-Democracy, Open Government und Bürgerbeteiligung lauten dazu die Stichwörter. Smart Life for Smart People also. Sind wir reif dafür?

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