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It’s Special. It’s a Meeting.
Beim "Special Meeting" des International Council of Design werden Design Weeks und Biennalen, Design-Museen und Design Cities aus aller Welt aufgefordert, neue Wege zu finden, um unser Lebens durch Design zu verbessern. 2019 fand das Meeting in Graz statt.
© Miriam Raneburger

Das dritte Sondertreffen der ico-D (International Council of Design) fand von 10. bis 11. Mai 2019 in Graz statt. Die zweitägige Veranstaltung wurde von der Creative Industries Styria in Zusammenarbeit mit der Beijing Design Week von insgesamt 16 VertreterInnen aus internationalen Organsiationen aus 12 Ländern ausgerichtet.

 

Über das ico-d Special Meeting
Das Special Meeting wurde von der ico-D ins Leben gerufen, um VertreterInnen von Designwochen, Städten, Museen, Festivals und Biennalen zusammenzubringen, um zu bestimmen, wie sie zusammenarbeiten können, um somit gemeinsame Ziele zu erreichen und gemeinsame Herausforderungen anzugehen. Der Erfolg eines eintägigen Pilot-Sondertreffens 2017 in Montréal führte im 2018 zu einem zweiten umfassenden Sondertreffen in Peking. Das zweite Treffen war der Beginn der Special Meeting-Partnerschaft mit der Beijing Design Week. An zwei Tagen nahmen VertreterInnen von 18 Einrichtungen aus 15 verschiedenen Ländern teil.

 

Das Special Meeting in Graz 
2019 fand das Special Meeting 2019 fand im Auditorium des Joanneumsviertel in Graz statt. Die Diskussionsthemen reichten von der philosophischen Frage: „Wie können wir zusammenarbeiten, um grundlegende Veränderungen umzusetzen?“ bis hin zum eigentlichen Thema “Frauen und Design“ und zu praktischen Themen wie der Frage nach der Verbinden zu Design-Communities zur Wirtschaft, Regierung, Öffentlichkeit und anderen.
Das Zusammentreffen wurde ebenso für Diskussionsrunden und Brainstorming-Sitzungen genutzt, um Tools für die Zusammenarbeit zu entwickeln und internationale Netzwerke für den Know-how-Transfer und die Zusammenarbeit bei gemeinsamen Projekten zu schaffen.

 

Tag 1
Das Special Meeting wurde mit dem Thema „Being heard“ eröffnet. Dabei ging es um die Verbindung der Design-Community mit Unternehmen, Behörden, der Öffentlichkeit und anderen. Eberhard Schrempf berichtete über aktuelle und vergangene Programme, Herausforderungen und Erfolge bei der Zusammenarbeit von Stakeholdern. Anschließend präsentierte Alvaro Rego (MUMEDI) eine Fallstudie, indem das MUMEDI-Museumsgebäude als Instrument für die Designkommunikation an die Öffentlichkeit genutzt wird.
Anja Zorko von BIO diskutierte, wie die Design Biennalen auf die sich ändernde Bedürfnisse der Designgemeinschaft reagiert und diese von einer Industriedesignshow zu einem kollaborativen Prozess transformiert.

Mary Josephine Cruz (Design Week Philippines) stellte die Entwicklung und Hindernisse des Design Centers Philippinen vor, um eine treibende Kraft für Design als Lebensform zu entwickeln. Dan Li (Beijing Design Week) diskutierte, wie das Festival mit Unternehmen und Regierungen zusammengearbeitet hat, um über Peking hinaus zu expandieren.

Puebla, UNESCO City of Design, wurde von Luis Gonzalez Arenal, nutzte dasFormat der Instagram-Story, um die Art und Weise darzustellen, wie erfinderische und disruptive Methoden der Schlüssel zum Ausdruck des Werts des Designs werden. Isabelle Verilhac (UNESCO City of Design Saint-Étienne) veranschaulichte die verschiedenen Möglichkeiten, mit denen die Stadt Saint-Étienne ihre BürgerInnen zur Zusammenarbeit im Bereich Design heranzieht.

Die Diskussionsrunde zu Thema „Being heard“ wurde von Eberhard Schrempf geleitet. Die TeilnehmerInnen diskutierten die Erfolgsmaße ihrer Kommunikationsmethoden, die mit der Messung dieser Praktiken verbundenen Herausforderungen sowie die Notwendigkeit, sich auf grundlegende Botschaften zu konzentrieren, um den wahren Wert von Design zu kommunizieren.

Der Nachmittag wurde mit einer „Speed Dating“ Runde fortgesetzt, in der die TeilnehmerInnen zwei Minuten lang aufeinandertrafen, um die wichtigsten Bedürfnisse für eine Zusammenarbeit herauszuarbeiten.

Der erste Tag endete mit der Präsentation von Min Wang (Beijing Design Week) mit dem Thema „Was AI für die Designbranche bringt“. Dabei wurde die Entwicklung von künstlicher Intelligenz und die Möglichkeit zur Steigerung und Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten und Vorstellungskraft erörtert.

 

Tag 2
Der zweite Tag stand unter dem „Frauen & Design“ und befasste sich mit Fragen, Implikationen, Herausforderungen und Chancen. Ana Masut (ico-D) unterstrich die praktische Notwendigkeit der Pluralität, Alexandra Sankova (Moscow Design Museum) befasste sich mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Designerinnen in Russland und Daniela Piscatelli (Aiap Women in Design Award) führte eine Diskussion über neue Modelle für Designerinnen. Die Diskussion behandelte die Vorstellungen von Menschlichkeit im Design und hob die Lücken zwischen Theorie und Praxis der Gleichstellung der Geschlechter im Design hervor. Die TeilnehmerInnen untersuchten, wie Erfahrungen ausgetauscht und Anstrengungen unternommen werden können, um wirksame Projekte zum gegenseitigen Nutzen zu generieren und schlugen mögliche Ideen und Praktiken vor, um Systeme von innen heraus neu zu definieren und zu entwickeln.

Die anschließende Breakout-Sitzung war eine Brainstorming-Übung zur Entwicklung der Parameter eines Tools, mit dem die teilnehmenden Organisationen zwischen Special Meetings direkt miteinander kommunizieren können. Aus den Ideen entstand ein Instrument, mit dem ein Online-Netzwerk geschaffen werden und welches künftig auch von Unternehmen zur Erleichterung von Kooperationsprojekten genutzt werden kann.

Weiters wurden grundlegende Fragen vorgestellt und diskutiert: Wie können wir als Gemeinschaft zusammenarbeiten, um eine dauerhafte Wirkung zu erzielen? Gabriel Roland (Vienna Design Week) zeigte die stetige Veränderung des Festivals auf und Dara Lynch (D&AD) überreichte den D&AD Impact Award und würdigte Designideen, die positive Veränderungen bewirken. Adrian Jankowiak (Nairobi Design Week) schloss die Teilnehmerpräsentationen mit einem Überblick über Verbundprojekte ab, die Design als Kraft für die Wirtschaft nutzen.

Das Special Meeting schloss mit einer Diskussion, die viele wichtige Punkte ansprach – die Notwendigkeit, die Funktion des Designs als Veränderungsagent von den alltäglichen Aufgaben zu trennen, die die aktuellen Vorstellungen von Erfolg definieren, die Rolle des Designers bei der Schaffung von sozialer Gerechtigkeit und wie die teilnehmenden Organisationen auf konkrete Weise zusammenarbeiten, um sich gegenseitig bei der Bewältigung einiger der gemeinsamen Probleme und Herausforderungen zu helfen und gemeinsam einen Beitrag zur Änderung der globalen Designagenda zu leisten.

Das Special Meeting fand im Rahmen der Eröffnung des Designmonats statt.
Als Gastgeber organisierte die Creative Industries Styria für alle TeilnehmerInnen einen Ausflug zur AD MENSAM-Ausstellung im Schloss Hollenegg für Design.

TeilnehmerInnen

  • Li Dan  |  Beijing Design Week
  • Min Wang | Beijing Design Week
  • Daniela Piscitelli | Brno Biennale Association
  • Mary Josephine Cruz | Design Week Philippines
  • Arhan Kayar | Istanbul Design Week
  • Sertaç Ersayin | Istanbul UNESCO City of Design
  • Jan Rajlich | Brno Biennale Association
  • Doreen Toutikian | Beirut Design Week
  • Nino Groß | Fifteen Seconds Festival
  • Álvaro Rego García de Alba | MUMEDI Museo Mexicano del Diseño
  • Diana Solis | MUMEDI Museo Mexicano del Diseño
  • Luis Gonzalez Arenal | Puebla UNESCO City of Design
  • Adrian Jankowiak | Nairobi Design Week
  • Emanuel Barbosa | Porto Design Biennale
  • Michał Piernikowski | Lodz Design Festival
  • Alexandra Sankova | Moscow Design Museum
  • Raman Saxena | Delhi Design Festival
  • Lukáš Pipek | Czech Design Week
  • Dara Lynch | Design & Art Directors Festival
  • Isabelle Verilhac | Saint-Étienne UNESCO City of Design
  • Camille Vilain | Saint-Étienne UNESCO City of Design
  • Gabriel Roland | Vienna Design Week
  • Eberhard Schrempf Graz | UNESCO City of Design
Events
assembly
Drei Tage lang war Design wieder besonders anziehend.
© Lippzahnschirm

assembly zählt mittlerweile zu einer innovativen Konstante im internationalen Festivalgeschehen und begeistert sowohl das Grazer designinteressierte Publikum als auch Gäste aus dem In- und Ausland. Renommierte Designerinnen und Designer wie Sabrina Stadlober, Andy Wolf, Eva Poleschinski, Franziska Fürpass oder Lena Hoschek haben in den vergangenen Jahren bei assembly mitgewirkt. 50 spannende Designpositionen aus 11 Ländern werden dieses Jahr im gesamten Space02 im Kunsthaus präsentiert. Die weiteste Anreise hat diesmal das Label „life is like a dream“ aus der UNESCO City of Design-Partnerstadt Wuhan in China.

Höhepunkt des Festivals war die Eröffnungsmodenschau am 24. Mai. Dabei zeigten zwölf ausgewählte Labels ihre neuesten Kollektionen: überraschend skulptural, konzeptuell raffiniert und ausgeklügelt minimalistisch. Auch die „Rahmenbedingungen“ versprachen wie immer hohes Niveau. Als „Masters of Ceremony“ fungieren Musiker Rainer Binder-Krieglstein featuring Monique Fessl und Schauspieler Gerald Votava als Moderator; OchoReSotto steuert wieder die Visuals bei. Dieses Jahr wird es bei assembly doppelt spannend: Zusätzlich zum K&Ö Fashion Award hat das weltweit führende Modedesignnetzwerks „Not Just a Label“ (NJAL) mit Sitz in Los Angeles einen Livestream der Eröffnungsmodenschau auf Instagram gezeigt. Dabei vergab der Gründer und CEO der Plattform, Stefan Siegel, eine NJAL+ subscription, die das ausgewählte Label in Sachen Marketing und Vertrieb unterstützt. Highlight unter freiem Himmel war die Streetfashion Show, die mit lässigem Charme erneut die Murinsel für sich einnahm.

Interview

So schnell vergeht die Zeit. 15 Mal assembly und 10 Mal K&Ö Fashion Award. Anlass für ein Gespräch mit Festivalmacherin Karin Wintscher-Zinganel.

 

Wie kam es 2003 zur Premiere von assembly? Was war die Idee?
Unser Gastdesignerprogramm unterstützt von Margarethe Makovec (Kunstverein Rotor) im frisch eröffneten Pell Mell Shop stieß auf so positive Resonanz, dass wir mit Industrial Designer Volker Pflüger beschlossen, eine größere Ausstellung zu organisieren. Im Kulturhauptstadtjahr 2003 starteten wir mit einem Minibudget im Palais Thinnfeld. Dabei konnten wir 20 Designerinnen und Designer präsentieren. Wie der Name „assembly“ ausdrückt, verstanden wir Design und somit das geplante Festival als Montage und grenzten niemanden aus. Wir präsentierten neben Mode-, Schmuck-, Taschen-, Produktdesign und Vintage-Möbel, auch Grafiker, Künstler, Architekten, Videokünstler, Tätowierer sowie Hairstylisten. Renommierte Designbüros wie Robert La Roche nutzten die Präsentationsplattform ebenfalls. Unsere Vision damals: Eine Plattform für Designer zu schaffen, die aufstrebend und in den Startlöchern standen, aber noch keine Shops, Internetauftritt etc. hatten und daher dem Publikum noch nicht so bekannt waren. Wir fanden, es war Zeit für neues Design in Graz. Seit 2008 findet assembly im Rahmen des Designmonat Graz statt. Dadurch verlagerte sich der Fokus immer mehr hin zum Modedesign.

 

Was bedeutet das Designfestival bzw. insbesondere auch der Fashion Award für die steirische Modeszene?
Das Festival selbst versucht junge, aufstrebende Designlabels einem großen Publikum zu zeigen. Die Modeschule Graz nimmt hier einen besonderen Platz ein. Jährlich können ausgewählte Jungdesignerinnen bzw. -designer aus der Modeschule kostenfrei an assembly teilnehmen, sammeln so erste Erfahrungen und bekommen erstmals Kunden-Feedback zu ihren Kollektionen. Zusätzlich können sie Kontakte zu nationalen sowie internationalen Designern knüpfen. Schade finde ich nach wie vor, dass viele steirische Nachwuchsdesigner im Anschluss an ihre Ausbildung an der Modeschule Graz nach Wien, Linz oder ins Ausland gehen müssen, um eine universitäre Ausbildung zu erhalten, da dies leider in Graz derzeit nicht möglich ist. (Absatz vorgezogen) Bis jetzt konnten drei steirische Modedesignerinnen den Kastner& Öhler Fashion Award gewinnen: 2011 Odrowaz, 2013 ni-ly, und 2015 Sabrina Stadlober. Die Auszeichnung bedeutet für die Gewinner eine immense Anerkennung ihrer kreativen Arbeit und gleichzeitig bringt die finanzielle Unterstützung die Möglichkeit, international auf sich aufmerksam zu machen.

 

Ein Spezifikum von assembly ist das Nomadentum. Welche Location ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Nachdem das Palais Thinnfeld ab 2006 als Veranstaltungsort nicht mehr zur Verfügung stand, gingen wir auf Wanderschaft. Wichtig war uns dabei immer, zentrale spannende Orte in Graz zu bespielen. Jede neue Location war eine Herausforderung. Deshalb freuten wir uns umso mehr, dass Grazer Museen uns die Möglichkeit boten und bieten ihre Häuser für assembly zu öffnen. Dies sehen wir als große Auszeichnung. Mit dem Angebot von Barbara Steiner, Leiterin des Kunsthaus Graz, 2017 erstmals das Kunsthaus Graz zu bespielen, ergab sich eine spannende Synergie zwischen Kunst und Design: Erwin Wurms gigantische Textilinstallation „Weltraumschwitzer“ wurde zum spektakulären „Bühnenbild“ für die assembly Eröffnungsmodenschau. 2019 können wir auf mehr als 2.000 Quadratmetern im Kunsthaus zeitgenössisches Modedesign präsentieren.

 

Du bist selbst Designerin. Was ist für dich persönlich der Antrieb, Modedesign zu machen?
Ursprünglich wollte ich Architektin werden, durch meine Ausbildung zur Textildesignerin habe ich dann entdeckt, dass Schnittzeichnen die beste Ausdrucksform darstellt um meine Kreativität umzusetzen. Textile Stoffe faszinieren mich als Material. Die Möglichkeit mit einem fließenden Material 3D-Formen zu erzeugen, finde ich im Modedesign die größte und gleichzeitig spannendste Herausforderung.

 

Die Modedesignszene ist stark weiblich „besetzt“. Ist sie frauenfreundlicher als andere Branchen?
Ich denke spätestens seit Coco Chanel ist die Modewelt gleichberechtigt.

 

30 Mal assembly – vorstellbar?
(lacht) Da muss ich nachrechnen … Aber ja, dann bin ich vielleicht eine Art Lotte Tobisch im Designbereich.

Designmonat Graz 2019
Ein Video über den Designmonat unseres Medienpartners "Feel Desain".
Zeig mir das Bild vom Tod
Sterben müssen wir alle. Doch trotzdem begegnet jeder dem Tod auf unterschiedliche Weise: Die einen mit Furcht, andere stoisch – und manche mit einem Lächeln. Wie Designerinnen und Designer aus aller Welt den Tod wahrnehmen, macht der Poster-Contest "To Death with a Smile" sichtbar.
© Miriam Raneburger

Seit 14 Jahren ruft das mexikanische Design-Museum MUMEDI Designerinnen und Designer aus aller Welt dazu auf, sich mit dem Thema „To Death with a smile“ auseinanderzusetzen und im Kollektiv das ewige Mysterium „Tod“ zu erschließen. Initiiert hat das Projekt Álvaro Rego, Leiter und Inhaber des MUMEDI, der dem Tod selbst schon ins Auge geblickt hat: „Die Idee für den Wettbewerb entstand, als ich mit 33 Jahren drei Mal im Krankenhaus starb. Dreimal hörte mein Herz auf zu schlagen, und dreimal hatte ich eine ähnliche Jenseitserfahrung. Da dachte ich mir, es wäre höchst interessant, wenn jeder auf der Welt grafisch mitteilen würde, wie er oder sie über den Tod denkt.“ Denn je nach Religion, Herkunftsland, Familientraditionen und persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen variiert die Vorstellung vom Tod, einem Konzept, das ebenso eindeutig und endgültig wie mysteriös und geheimnisvoll ist.

 

Das ewige Faszinosum
Dass Rego mit dem Thema ins Schwarze traf, wird an der Resonanz ersichtlich: Tausende folgten dem Aufruf des MUMEDI, sich mit dem Tod grafisch auseinanderzusetzen. Alle zwei Jahre wird der Bewerb von Neuem ausgeschrieben, alleine bei der letzten Ausschreibung erreichten das MUMEDI mehr als 30.000 Einreichungen aus 157 Ländern. Mittlerweile umfasst die Auswahl der Siegerplakate mehr als 2.500 Poster aus aller Welt, die zeigen, wie unterschiedlich und wie stark kulturell geprägt die Auffassungen vom Tod sind. „Unsere Kultur hat wahrscheinlich am meisten Einfluss darauf, wie wir den Tod sehen, wir wachsen auf und sehen, wie unsere Eltern, Großeltern und Freunde mit dem Tod umgehen“, meint Rego. Zugleich spiegeln die Plakate auch aktuelle Konflikte wider: etwa die vorherrschende Gewalt in Teilen Mexikos, die Angst um das eigene Leben im Iran und Terrorattacken – weltweit.

 

Die femininen Seiten des Todes
Wie sieht der Tod selbst nun aber aus? Bei uns ist der Tod ein durch und durch maskulines Konzept: Er ist Sensenmann, Gevatter Tod oder Freund Hein; egal ob Henker oder Freund, manifestiert er sich in unserer Sprache als Mann. Unser Bild vom Tod ist auch visuell männlich geprägt, was etwa bei Egon Schiele im Gemälde „Tod und Mädchen“ sichtbar wird. Dass der Tod aber nicht zwangsläufig ein Mann sein muss, zeigt der Blick in andere Kulturen. In Mexiko ist der Tod weiblich, nicht nur grammatikalisch, sondern auch kulturell. „La muerte“ tritt als Frau in Erscheinung: 1873 vom Karikaturisten José Guadalupe Posadas zum Leben erweckt, entwickelte sich „La Catrina“ rasch zu einer zentralen Figur in der mexikanischen Kultur. „Der Tod ist jedem gewiss, aber das Leben im Jenseits ist ungewiss – dieselbe faszinierende Ungewissheit wie beim weiblichen Verführungsspiel, das Männer in seinen Bann zieht, ohne dass diese wissen, was genau sie zu erwarten haben“, erklärt Rego die mexikanische Perspektive auf den Tod als weibliches Konzept.

Generell ist Mexiko berühmt für seinen einzigartigen Zugang zum Tod. Schokototenköpfe und Zuckerskelette statt Allerheiligenstriezel, ausgelassene Umzüge statt bedächtigem Kerzerlanzünden, Party statt stillem Trauern: Die fröhlichen Feiern rund um den „Día de los Muertos“ – der zeitgleich mit unserem Allerheiligen begangen wird – faszinieren Menschen weltweit. „Die Poster haben sich über die Jahre weiterentwickelt. Designer anderer Ländern erfahren, wie wir in Mexiko den Tod wahrnehmen und entschließen sich dazu, Spaß damit zu haben“, so Rego. So finden sich auf vielen der Plakate florale Muster, aufgetakelte, tanzende Skelette und knallige Farben. Etwa auf dem Poster von Inna Razmakhova aus Russland, auf dem ein Skelett mit einem Schmetterling verschmilzt, und das ebenso wie 106 weitere Plakate im Designmonat Graz im Lesliehof im Joanneumsviertel zu sehen sein wird. Die dort ausgestellte Auswahl widmet sich ausschließlich dem weiblichen Blick auf den Tod: die gezeigten Arbeiten stammen allesamt von Frauen.

 

Der Tod als Anfang und Ende
Doch vergeht einem das Lächeln nicht doch angesichts des eigenen Ablebens? „Der Großteil der Welt hat es nicht eilig zu sterben, hat aber das positive Gefühl oder vielmehr den Glauben, dass man im anderen Leben eine Art Himmel vorfinden wird“, leitet Rego aus den Tausenden Postern ab, die er über die Jahre gesehen hat. „Viele glauben auch, dass sie anhand ihrer Handlungen in diesem Leben im Jenseits belohnt oder bestraft werden, oder in einer besseren oder schlechteren Hülle als Mensch oder Tier auf die Welt zurückgeschickt werden.“

Was uns nach dem Sterben erwartet, darüber können die Poster freilich keinen Aufschluss geben. Uns die Angst vor dem Tod nehmen, das schon eher. Sodass wir ihm eines Tages vielleicht mit einem Lächeln begegnen können, so wie Álvaro Rego: „Ich denke, ich kann das, weil ich ein sehr gutes Leben gelebt und genossen habe, ich bereue nichts. Außerdem, falls der Tod auch nur ansatzweise so ist wie der wunderbare und friedvolle Ort, den ich kennengelernt habe, als mein Herz aufgehört hat zu schlagen, bin ich mir sicher, dass es mir dort gefallen wird!“

 

 

Design Battle 2019
Design hautnah erleben, aktiv mitgestalten und schonungslos bewerten – das alles war die CIS Design Battle 2019.

Nur 24 Stunden um ein Designstück als Prototyp zu erschaffen. Die Design Battle im Rahmen des Designmonat Graz hat gezeigt, dass es möglich ist, wenn auch nicht ganz locker. Von der Idee, über den Entwurf bis zum fertigen Produkt schufen 4 Teams entsprechend der diesjährigen Aufgabenstellung: einen Hocker.

Zum 4. Mal fand am 22. Mai heuer die Design Battle bei der Tischlerei Josef Prödl in Kirchberg an der Raab statt. Passend zum Programmfokus „Frauen & Design“ bestanden die 4 Teams aus je einer Designerin und einem Experten aus einer anderen Disziplin.

Die CIS Design Battle ist vermutlich die direkteste Form des Design Transfer Programmes der Creative Industries Styria. Hier ergibt sich die Möglichkeit Design aktiv mitzugestalten sowie zu steuern. Und das innerhalb kürzester Zeit, vor den Augen des Publikums und unter ständiger Kritik der Jury. Dabei standen unter anderem die Kriterien „Idee & Konzept“, „Originalität & Kreativität“ und „Form & Funktion“ im Vordergrund.

Zwischen den einzelnen Sequenzen wurden die Pausen für Impulsvorträge genutzt. Mit dabei waren heuer die Vulcano Schinkenmanufaktur, der Winzer Josef Krenn und die Winzerin Barbara Sitzwohl von Krenn49, Prof. Karl Stocker von der FH JOANNEUM und Vagabund Moto.

Die Design Battle Teams

• TEAM 1 mit Marleen Viereck (Viereck Architekten), Wolfgang Raunjak (raunjak intermedias) und Tischler Martin
• TEAM 2 mit Barbara Sieber-Vandall (Ox&Bear), Thomas Zenz (doppelpunkt PR) und Tischler Martin
• TEAM 3 mit Simone Kovac (Simone Kovac Interior Design), Robert Prasch (KOOP Live-Marketing) und Tischler Thomas
• TEAM 4 mit Sigrid Mayer (EIGENSINN by Sigrid Mayer), Syrous Abtine (Parkside) und Tischler Josef sowie Tischlerin Alexandra

Die Aufgabenstellung der CIS Design Battle 2019

Ein Hocker aus Holz.

 

Die Design Battle Jury

  • Alice Stori Liechtenstein von Schloß Hollenegg for Design
  • Gastgeber Josef Prödl
  • Andrea Vattovani von AVA – Andrea Vattovani Architecture
  • Barbara Nußmüller, Creative Industries Styria

 

Die Jury hat das Team 4 mit Sigrid Mayer (EIGENSINN by Sigrid Mayer) und Syrous Abtine (Parkside) mit dem Entwurf „Escher“ als bestes Projekt zum Sieger erkoren. Dieser Entscheidung ging ein 3-stufiger Entscheidungsprozess voraus, in dem Publikum und Fachjury den Entstehungsprozess hautnah miterleben und durch schonungsloses Feedback auch mitgestalten durften.

Franz Peier (koch-art graz) sorgte mit seinen kulinarischen Kreationen für die richtige Energie und Krenn49  für einen genüsslichen Schluck Wein.

Let Designmonat Graz begin
© GEOPHO

Der Designmonat Graz und die Ausstellungen im Joanneumsviertel wurden durch Landesrätin Barbara Eibinger-Miedl, Stadtrat Güner Riegler und Eberhard Schrempf eröffnet. Mit über 1000 internationalen und nationalen Gästen wurde am 10. Mai gefeiert. Bis zum 9. Juni werden über 100 Events die UNESCO City of Design Graz in einen Ausnahmezustand des Designs versetzen.

Hier können Sie das ganze Programm einsehen.

Rückblick
Eröffnung
Istanbul meets Graz
Istanbul – wie Graz UNESCO City of Design – ist eine wichtige Partnerstadt im Designmonat Graz 2019. Die Metropole am Bosporus präsentiert sich mit einer Ausstellung im Designforum sowie mit Workshops und Vorträgen auf der Murinsel.
© Istanbul Design Bureau

Istanbul ist einer jener magischen Orte, die ihren eigenen Rhythmus haben, ihr eigenes Tempo gehen. Metropole zwischen Orient und Okzident, Brückenbauerin zwischen Europa und Asien, Schmelztiegel unterschiedlichster Einflüsse – Istanbul lässt sich wie jede Stadt dieser Größenordnung nur schwer in ihrer Gesamtheit erfassen. Zu vielfältig sind die Welten, die sich dort verbinden, zu reichhaltig ist das kulturelle Erbe, das unterschiedlichsten Ursprungs ist, und zu gewaltig erscheint die historische Symbolkraft dieses Ortes, um ihn in seiner Pluralität zu erfassen. Fest steht: Es ist genau diese Heterogenität, aus der heraus Neues entsteht, und Istanbul weist als Creative City nachgerade prototypische Eigenschaften dafür auf. Dementsprechend groß ist auch der Output der Kreativen und der Künstlerinnen und Künstler – um es kurz zu fassen: Istanbul inspiriert.

Dass in einem derart vielschichtigen Umfeld auch das Design seine eigene Richtung einschlägt, verwundert nicht. „Design aus Istanbul“ vereint folglich alle Eigenschaften, die mit der Mega-City verbunden werden. „Zeitlosigkeit“ ist eines jener klischeehaften Attribute, die sich gerne mit dem Wort Design verbinden, und Zeit spielt auch große Rolle bei der Ausstellung „Istanbul Design Collection“. Die Schau verleiht dem Thema Zeit jedoch noch eine zusätzliche Dimension. Denn „zeitlos“ ist weniger das Design der Objekte, sondern vielmehr die Bedürfnisse der Menschen, für die das Design konzipiert wurde. Und all das wurde an einem Ort entworfen, in dem die Zeit zwar nicht stillsteht, wo aber die Uhren dennoch ein bisschen anders ticken.

„Istanbul Design Collection“ umfasst Arbeiten aus unterschiedlichen Bereichen und Disziplinen: Grafik- und Industriedesign, Fashion, Architektur, aber auch traditionelles Kunsthandwerk. „Die Besucherinnen und Besucher erwartet eine Auswahl an türkischer Designkultur aus mehreren Dekaden und sie entdecken dabei Istanbul als Stadt von großer kultureller Diversität“, so der Ausstellungskurator Genco Demirer. Eine in der Formensprache reduzierte Bank aus Stein ist dabei ebenso zu sehen wie ornamental verzierte Kaffeetassen, Vasen oder Teller, in denen sich einfache Motive des täglichen Lebens am Meer widerspiegeln: Wasser, Fische, Früchte.

Der Istanbul-Schwerpunkt ist das Ergebnis der langjährigen Vernetzungsarbeit der Creative Industries Styria, die weit über den Designmonat Graz hinausreicht. 2018 war eine Mitarbeiterin des Istanbul Design Bureau drei Wochen bei der Creative Industries Styria beschäftigt. Im März 2019 ging in der Stadt am Goldenen Horn der erste Istanbul Design Summit über die Bühne, bei dem die Creative Industries Styria Kooperationspartner war und für ein Panel zum Thema Design Policy verantwortlich zeichnete, und das Fifteen Seconds Festival streckt seine Fühler in Richtung Istanbul aus.

ico-D endorsed
Der Designmonat Graz 2019 enthält die Auszeichnung "ico-D endorsed"

Für die Förderung und Umsetzung von Design hat der Designmonat Graz die Auszeichnung des international Council of Design (ico-D) erhalten. Die Anerkennung „ico-D endorsed“ wird jährlich an ausgewählte internationale Aktivitäten verliehen, die die Standards in Bezug auf Design und Ethik einhalten und den internationalen Best Practices-Richtlinien gemäß ico-D entsprechen.

www.ico-d.org

Events
ico-D Special Meeting
2019 findet das Special Meeting des international Council of Design (ico-D) in Graz statt.

Das international Council of Design (ico-D) ist der weltweit größte Vertreter der internationalen Gemeinschaft von professionellen DesignerInnen, die sich aus nationalen Designverbänden und Design-Bildungseinrichtungen zusammensetzt. ico-D wurde 1963 in London gegründet und ist seit 2005 in Montréal ansässig. Sie ist eine weltweite Organisation für professionelles Design mit mehr als 140 Organisationen in 67 Ländern und Regionen einschließlich nationaler Berufsverbände, Bildungseinrichtungen und Fördereinrichtungen. Als ein Mitglieder-basiertes Netzwerk von unabhängigen Organisationen und Stakeholdern, die im multidisziplinären Designbereich arbeiten, fördert sie den Wert von Designpraxis, Bildung, Forschung und Politik.

Seit 2017 finden jährlich Special Meetings statt. Sie fördern die  Zusammenarbeit und den Austausch zwischen verschiedenen Werbe- und Valorisierungseinheiten (Design Weeks, Festivals, Museen, Städte und mehr), um sich überschneidenden Herausforderungen und Zielen zu stellen und zu bestimmen, wie die internationale Design-Community besser zusammenarbeiten kann.

2019 fungieren die Creative Industries Styria und Graz als UNESCO City of Design als Gastgeberinnen für das Special Meeting. Auch heuer wird die internationale Design-Community durch das Special Meeting gestärkt, indem es den Wissenstransfer und die Zusammenarbeit zwischen den Entitäten unterstützt.

ico-D Special Meeting
10.-11. Mai 2019
Auditorium | Joanneumsviertel Graz

Bei dem Special Meeting handelt es sich um eine Fachkonferenz, die nicht öffentlich zugänglich ist.

www.ico-d.org

Frauen & Design
Frauen & Design
Kein kluges Design ohne Genderbewusstsein und Gendersensibilität! Von Uta Brandes

Warum ist Design so wichtig? Weil wir ihm überhaupt nicht entrinnen können – und das gilt beileibe nicht nur für die Designprofis, sondern für uns alle. Denn alles ist gestaltet (erst einmal unabhängig davon, ob klug oder dumm), nicht nur Tische, Stühle, Leuchten, Computer, sondern auch so scheinbar banale Dinge wie Tesafilm, Flaschenöffner, Toilettenpapier – aber auch uns so selbstverständliche, und daher gern übersehene, Phänomene wie Verkehrszeichen, Schriften, Mikrofone, der Fußboden, das Internet, die uns umgebende Akustik und noch viel mehr. Das heißt: Wir sind umgeben von und leben mit Design 24 Stunden am Tag (egal, ob uns das gefällt bzw. wir es überhaupt merken). – Also: Design ist wichtig, gestaltet nicht nur die Umwelt, sondern auch uns selbst, z. B. durch Mode. Warum ist Gender im Design so wichtig? Weil wir dem Geschlecht genauso wenig entrinnen können. Auch hier – ob es uns gefällt oder nicht, ob es uns bewusst ist oder nicht: Alle Produkte, Zeichen, Dienstleistungen, mit denen wir entweder gezwungenermaßen täglich konfrontiert sind oder mit denen wir uns – freiwillig – alltäglich umgeben, sprechen zu uns immer auch vergeschlechtlicht.

Design aber verhält sich bis heute immer noch erstaunlich ignorant gegenüber der Kategorie Geschlecht, wie sich im gesellschaftlichen Kontext äußert. Während in vielen anderen Wissenschaften Gender-Diskussionen seit langem selbstverständlicher Bestandteil des Diskurses sind, werden sie im Design weder in der Theorie noch in der Forschung und schon gar nicht in der Praxis systematisch und umfassend einbezogen. Das ist deshalb besonders merkwürdig, weil Design ja unseren ganz gewöhnlichen Alltag überall und jederzeit bestimmt, und damit auch die in diesem Alltag handelnden Menschen. Und das geschieht eben nicht allein als Prozess zwischen Subjekten und Objekten, sondern diese Interaktion findet unabdingbar vergeschlechtlicht statt, denn kulturelle Erfahrungen und gesellschaftliche Prozesse sind unausweichlich von „Gender“ geprägt. Zwar sind Geschlechterrollen längst nicht mehr so zementiert, wie sie es lange Zeit waren. Geschlechteridentitäten und sexuelle Orientierungen haben sich diversifiziert und werden offener gelebt. Und doch sind Geschlechterstereotype noch längst nicht überwunden. Bestimmte Arbeits- und Verantwortungsbereiche sind je nach Geschlecht erfahrungsmäßig verdichtet, sogar überdeterminiert, andere im Gegensatz dazu reduziert oder defizitär. So entwickeln sich gegenläufig unterschiedliche Kompetenzen und Fähigkeiten auf der einen, Desorientierungen und Bornierungen auf der anderen Seite. Erfahrungsverlust und -intensität bzw. Kompetenz und Wissen sind allerdings nicht komplementär, denn die gesellschaftliche Bewertung von Verhalten und Aktivität bezüglich ihrer „Relevanz“ variiert nach Geschlecht.

Im Design wird das vielfach deutlich: Es gibt viel weniger öffentlich bekannte Designerinnen als Designer, in spezifischen Bereichen werden Designerinnen immer noch kaum akzeptiert, und es existieren gerade im Design noch nicht sehr viele weibliche Vorbilder. Hinsichtlich der Geschlechteregalität tritt im Design eine Problematik besonders scharf hervor. Denn hier existiert immer noch oft die Aufsplittung in so genannte Hard- und Soft-Segmente: hier das „harte“ Industrie-, Produkt-, Medien- oder Game Design, dort Textil-, Schmuck-, Mode-, Kommunikations-Design. Sofern es sich lediglich um eine Vielfalt im Design handelte, wäre dagegen nichts einzuwenden. Problematisch aber wird es, weil mit dieser Aufteilung in „hart“ und „weich“ sowohl eine Bewertungshierarchie als auch eine Genderzuweisung verbunden ist, und das eine direkt aus dem anderen folgt. Das „harte“ Design rangiert in der gesellschaftlichen Bewertungsskala oben und es wird de facto überwiegend von Männern bestimmt und gemacht. Designerinnen finden sich in nennenswertem Umfang immer noch dort, wo die gesellschaftliche Projektion sie ansiedelt: Das sind Gestaltungstätigkeiten, die historisch als eher privat, hausarbeitsnah identifiziert und damit den Frauen nahezu unwidersprochen als angeblich typische Kompetenzbereiche zugemutet und überantwortet werden. Es sind Design-Sektionen, die das Weibliche ans Hegen und Pflegen, Schneidern und Nähen, ans Dekorative, Spielerisch-Kreative und Kommunikative knüpfen – kurz: in häuslicher Privatheit verorten. Und sofern Designerinnen dann doch einmal in einem männerdominierten Bereich, wie etwa der Automobilindustrie, arbeiten, schlägt noch hier das heimelige Vorurteil zu: Zuständig sind sie dann für die Textilien und Farben der Autositze – Trend and Colour. Im Design stellt sich die Frage, ob das, was unter weitgehendem Ausschluss eines Geschlechts als funktional, aufregend, sinnvoll etc. definiert wurde, genauso gestaltet und beurteilt worden wäre, wenn Frauen als Gestaltende am Designprozess und dessen Bewertung aktiv partizipiert hätten. Eine historisch betrachtet müßige Frage, die sich womöglich in die Zukunft gedacht besser beantworten lässt – falls und insofern nämlich die Teilhabe aller Designerinnen und Designer an allen Bereichen des Designs geschlechtergerecht realisiert wäre.

Die Gender-Problematik betrifft die gestalteten Dinge genauso: Im Markt wetteifern traditionelle, stereotype Produkte mit jenen angeblich modernen, die entweder eine neue Weiblichkeit bzw. Männlichkeit suggerieren (Gender-Marketing) oder aber einmal mehr ideologisch Geschlechterneutralität behaupten. Die Gestaltung „neutraler“ Dinge würde ja aber voraussetzen, dass Designer*innen (ebenso wie Nutzer*nnen, die die gestalteten Dinge ge- und verbrauchen) selber neutrale Wesen seien. Jedoch ist jedes Individuum gesellschaftlich gefordert, sein Geschlecht durch Gender-„Markers“ darzustellen. Hierfür steht ein gesellschaftliches (Design-)Repertoire zur Verfügung, dazu gehören u. a. Kleidung, Gesten, Stimme, Namen und Bezeichnungen oder spezifische Tätigkeiten. Unabhängig davon, ob sich Menschen gesellschaftlich rollen- und normenkonform verhalten oder nicht: Gender bleibt präsent noch in der Ablehnung erwünschter Geschlechtsrollen. Und ebenso ergeht es den vielfältigen Dingen, Medien, Zeichen. Gender-„Neutralität“ kann also nicht erreicht werden; sehr wohl aber – und das hilft bei der Überwindung gesellschaftlicher Geschlechter-Klischees – Gender-Sensibilität. Der einfühlsamen Gestaltung, die sich der Gender-Problematik bewusst ist, und darauf abzielt, ein möglichst offenes Design anzubieten, das in der Tendenz alle Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen einbezieht, gehört die Zukunft.

Dabei sind es keine spektakulären, sondern ganz normale, manchmal sogar banale Alltagssituationen, in denen Menschen mit den Dingen kommunizieren; oder in denen als sicher angesehene Formen überraschende andere Einsichten bieten; oder in denen durch ironische Eingriffe sich das wahre „Objektgeschlecht“ entpuppt; und der Nachweis geführt wird, dass die Gender-Kategorie auch eine lebendige, erhellende und wichtige Inspirationsquelle ist, das Design einer kritischen Überprüfung auszusetzen. Es besteht die Möglichkeit zu grundlegender Innovation, wenn Gender von Beginn an in die Designforschung und -praxis einbezogen wird.

Also: Das Konzept eines gendersensiblen, multidisziplinären Ansatzes im Design muss sowohl die unterschiedlichen Menschen als Gestaltende und Nutzende, die Geschlechtersprache der Objekte sowie die Interaktion zwischen Subjekten und Objekten einschließen. So verspricht die Zukunft des Designs wahrhafte Innovation und sensible Geschlechtergerechtigkeit!

 

 

Uta Brandes

Promovierte Soziologin und Psychologin, Autorin, Mitinhaberin Designberatungsbüro be design und bis 2015 Professorin für Gender & Design und Designforschung an der Köln International School of Design (TH Köln) – die erste Professur im Design, deren Denomination ausdrücklich der Thematik „Gender & Design“ gewidmet war. Initiatorin und Vorsitzende des 2013 in New York gegründeten „international Gender Design Network“ / iGDN. Gründungsmitglied und ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung.