Zeig mir das Bild vom Tod
Sterben müssen wir alle. Doch trotzdem begegnet jeder dem Tod auf unterschiedliche Weise: Die einen mit Furcht, andere stoisch – und manche mit einem Lächeln. Wie Designerinnen und Designer aus aller Welt den Tod wahrnehmen, macht der Poster-Contest "To Death with a Smile" sichtbar.
© Miriam Raneburger

Seit 14 Jahren ruft das mexikanische Design-Museum MUMEDI Designerinnen und Designer aus aller Welt dazu auf, sich mit dem Thema „To Death with a smile“ auseinanderzusetzen und im Kollektiv das ewige Mysterium „Tod“ zu erschließen. Initiiert hat das Projekt Álvaro Rego, Leiter und Inhaber des MUMEDI, der dem Tod selbst schon ins Auge geblickt hat: „Die Idee für den Wettbewerb entstand, als ich mit 33 Jahren drei Mal im Krankenhaus starb. Dreimal hörte mein Herz auf zu schlagen, und dreimal hatte ich eine ähnliche Jenseitserfahrung. Da dachte ich mir, es wäre höchst interessant, wenn jeder auf der Welt grafisch mitteilen würde, wie er oder sie über den Tod denkt.“ Denn je nach Religion, Herkunftsland, Familientraditionen und persönlichen Erfahrungen und Überzeugungen variiert die Vorstellung vom Tod, einem Konzept, das ebenso eindeutig und endgültig wie mysteriös und geheimnisvoll ist.

 

Das ewige Faszinosum
Dass Rego mit dem Thema ins Schwarze traf, wird an der Resonanz ersichtlich: Tausende folgten dem Aufruf des MUMEDI, sich mit dem Tod grafisch auseinanderzusetzen. Alle zwei Jahre wird der Bewerb von Neuem ausgeschrieben, alleine bei der letzten Ausschreibung erreichten das MUMEDI mehr als 30.000 Einreichungen aus 157 Ländern. Mittlerweile umfasst die Auswahl der Siegerplakate mehr als 2.500 Poster aus aller Welt, die zeigen, wie unterschiedlich und wie stark kulturell geprägt die Auffassungen vom Tod sind. „Unsere Kultur hat wahrscheinlich am meisten Einfluss darauf, wie wir den Tod sehen, wir wachsen auf und sehen, wie unsere Eltern, Großeltern und Freunde mit dem Tod umgehen“, meint Rego. Zugleich spiegeln die Plakate auch aktuelle Konflikte wider: etwa die vorherrschende Gewalt in Teilen Mexikos, die Angst um das eigene Leben im Iran und Terrorattacken – weltweit.

 

Die femininen Seiten des Todes
Wie sieht der Tod selbst nun aber aus? Bei uns ist der Tod ein durch und durch maskulines Konzept: Er ist Sensenmann, Gevatter Tod oder Freund Hein; egal ob Henker oder Freund, manifestiert er sich in unserer Sprache als Mann. Unser Bild vom Tod ist auch visuell männlich geprägt, was etwa bei Egon Schiele im Gemälde „Tod und Mädchen“ sichtbar wird. Dass der Tod aber nicht zwangsläufig ein Mann sein muss, zeigt der Blick in andere Kulturen. In Mexiko ist der Tod weiblich, nicht nur grammatikalisch, sondern auch kulturell. „La muerte“ tritt als Frau in Erscheinung: 1873 vom Karikaturisten José Guadalupe Posadas zum Leben erweckt, entwickelte sich „La Catrina“ rasch zu einer zentralen Figur in der mexikanischen Kultur. „Der Tod ist jedem gewiss, aber das Leben im Jenseits ist ungewiss – dieselbe faszinierende Ungewissheit wie beim weiblichen Verführungsspiel, das Männer in seinen Bann zieht, ohne dass diese wissen, was genau sie zu erwarten haben“, erklärt Rego die mexikanische Perspektive auf den Tod als weibliches Konzept.

Generell ist Mexiko berühmt für seinen einzigartigen Zugang zum Tod. Schokototenköpfe und Zuckerskelette statt Allerheiligenstriezel, ausgelassene Umzüge statt bedächtigem Kerzerlanzünden, Party statt stillem Trauern: Die fröhlichen Feiern rund um den „Día de los Muertos“ – der zeitgleich mit unserem Allerheiligen begangen wird – faszinieren Menschen weltweit. „Die Poster haben sich über die Jahre weiterentwickelt. Designer anderer Ländern erfahren, wie wir in Mexiko den Tod wahrnehmen und entschließen sich dazu, Spaß damit zu haben“, so Rego. So finden sich auf vielen der Plakate florale Muster, aufgetakelte, tanzende Skelette und knallige Farben. Etwa auf dem Poster von Inna Razmakhova aus Russland, auf dem ein Skelett mit einem Schmetterling verschmilzt, und das ebenso wie 106 weitere Plakate im Designmonat Graz im Lesliehof im Joanneumsviertel zu sehen sein wird. Die dort ausgestellte Auswahl widmet sich ausschließlich dem weiblichen Blick auf den Tod: die gezeigten Arbeiten stammen allesamt von Frauen.

 

Der Tod als Anfang und Ende
Doch vergeht einem das Lächeln nicht doch angesichts des eigenen Ablebens? „Der Großteil der Welt hat es nicht eilig zu sterben, hat aber das positive Gefühl oder vielmehr den Glauben, dass man im anderen Leben eine Art Himmel vorfinden wird“, leitet Rego aus den Tausenden Postern ab, die er über die Jahre gesehen hat. „Viele glauben auch, dass sie anhand ihrer Handlungen in diesem Leben im Jenseits belohnt oder bestraft werden, oder in einer besseren oder schlechteren Hülle als Mensch oder Tier auf die Welt zurückgeschickt werden.“

Was uns nach dem Sterben erwartet, darüber können die Poster freilich keinen Aufschluss geben. Uns die Angst vor dem Tod nehmen, das schon eher. Sodass wir ihm eines Tages vielleicht mit einem Lächeln begegnen können, so wie Álvaro Rego: „Ich denke, ich kann das, weil ich ein sehr gutes Leben gelebt und genossen habe, ich bereue nichts. Außerdem, falls der Tod auch nur ansatzweise so ist wie der wunderbare und friedvolle Ort, den ich kennengelernt habe, als mein Herz aufgehört hat zu schlagen, bin ich mir sicher, dass es mir dort gefallen wird!“