Frauen & Design
Frauen & Design
Kein kluges Design ohne Genderbewusstsein und Gendersensibilität! Von Uta Brandes

Warum ist Design so wichtig? Weil wir ihm überhaupt nicht entrinnen können – und das gilt beileibe nicht nur für die Designprofis, sondern für uns alle. Denn alles ist gestaltet (erst einmal unabhängig davon, ob klug oder dumm), nicht nur Tische, Stühle, Leuchten, Computer, sondern auch so scheinbar banale Dinge wie Tesafilm, Flaschenöffner, Toilettenpapier – aber auch uns so selbstverständliche, und daher gern übersehene, Phänomene wie Verkehrszeichen, Schriften, Mikrofone, der Fußboden, das Internet, die uns umgebende Akustik und noch viel mehr. Das heißt: Wir sind umgeben von und leben mit Design 24 Stunden am Tag (egal, ob uns das gefällt bzw. wir es überhaupt merken). – Also: Design ist wichtig, gestaltet nicht nur die Umwelt, sondern auch uns selbst, z. B. durch Mode. Warum ist Gender im Design so wichtig? Weil wir dem Geschlecht genauso wenig entrinnen können. Auch hier – ob es uns gefällt oder nicht, ob es uns bewusst ist oder nicht: Alle Produkte, Zeichen, Dienstleistungen, mit denen wir entweder gezwungenermaßen täglich konfrontiert sind oder mit denen wir uns – freiwillig – alltäglich umgeben, sprechen zu uns immer auch vergeschlechtlicht.

Design aber verhält sich bis heute immer noch erstaunlich ignorant gegenüber der Kategorie Geschlecht, wie sich im gesellschaftlichen Kontext äußert. Während in vielen anderen Wissenschaften Gender-Diskussionen seit langem selbstverständlicher Bestandteil des Diskurses sind, werden sie im Design weder in der Theorie noch in der Forschung und schon gar nicht in der Praxis systematisch und umfassend einbezogen. Das ist deshalb besonders merkwürdig, weil Design ja unseren ganz gewöhnlichen Alltag überall und jederzeit bestimmt, und damit auch die in diesem Alltag handelnden Menschen. Und das geschieht eben nicht allein als Prozess zwischen Subjekten und Objekten, sondern diese Interaktion findet unabdingbar vergeschlechtlicht statt, denn kulturelle Erfahrungen und gesellschaftliche Prozesse sind unausweichlich von „Gender“ geprägt. Zwar sind Geschlechterrollen längst nicht mehr so zementiert, wie sie es lange Zeit waren. Geschlechteridentitäten und sexuelle Orientierungen haben sich diversifiziert und werden offener gelebt. Und doch sind Geschlechterstereotype noch längst nicht überwunden. Bestimmte Arbeits- und Verantwortungsbereiche sind je nach Geschlecht erfahrungsmäßig verdichtet, sogar überdeterminiert, andere im Gegensatz dazu reduziert oder defizitär. So entwickeln sich gegenläufig unterschiedliche Kompetenzen und Fähigkeiten auf der einen, Desorientierungen und Bornierungen auf der anderen Seite. Erfahrungsverlust und -intensität bzw. Kompetenz und Wissen sind allerdings nicht komplementär, denn die gesellschaftliche Bewertung von Verhalten und Aktivität bezüglich ihrer „Relevanz“ variiert nach Geschlecht.

Im Design wird das vielfach deutlich: Es gibt viel weniger öffentlich bekannte Designerinnen als Designer, in spezifischen Bereichen werden Designerinnen immer noch kaum akzeptiert, und es existieren gerade im Design noch nicht sehr viele weibliche Vorbilder. Hinsichtlich der Geschlechteregalität tritt im Design eine Problematik besonders scharf hervor. Denn hier existiert immer noch oft die Aufsplittung in so genannte Hard- und Soft-Segmente: hier das „harte“ Industrie-, Produkt-, Medien- oder Game Design, dort Textil-, Schmuck-, Mode-, Kommunikations-Design. Sofern es sich lediglich um eine Vielfalt im Design handelte, wäre dagegen nichts einzuwenden. Problematisch aber wird es, weil mit dieser Aufteilung in „hart“ und „weich“ sowohl eine Bewertungshierarchie als auch eine Genderzuweisung verbunden ist, und das eine direkt aus dem anderen folgt. Das „harte“ Design rangiert in der gesellschaftlichen Bewertungsskala oben und es wird de facto überwiegend von Männern bestimmt und gemacht. Designerinnen finden sich in nennenswertem Umfang immer noch dort, wo die gesellschaftliche Projektion sie ansiedelt: Das sind Gestaltungstätigkeiten, die historisch als eher privat, hausarbeitsnah identifiziert und damit den Frauen nahezu unwidersprochen als angeblich typische Kompetenzbereiche zugemutet und überantwortet werden. Es sind Design-Sektionen, die das Weibliche ans Hegen und Pflegen, Schneidern und Nähen, ans Dekorative, Spielerisch-Kreative und Kommunikative knüpfen – kurz: in häuslicher Privatheit verorten. Und sofern Designerinnen dann doch einmal in einem männerdominierten Bereich, wie etwa der Automobilindustrie, arbeiten, schlägt noch hier das heimelige Vorurteil zu: Zuständig sind sie dann für die Textilien und Farben der Autositze – Trend and Colour. Im Design stellt sich die Frage, ob das, was unter weitgehendem Ausschluss eines Geschlechts als funktional, aufregend, sinnvoll etc. definiert wurde, genauso gestaltet und beurteilt worden wäre, wenn Frauen als Gestaltende am Designprozess und dessen Bewertung aktiv partizipiert hätten. Eine historisch betrachtet müßige Frage, die sich womöglich in die Zukunft gedacht besser beantworten lässt – falls und insofern nämlich die Teilhabe aller Designerinnen und Designer an allen Bereichen des Designs geschlechtergerecht realisiert wäre.

Die Gender-Problematik betrifft die gestalteten Dinge genauso: Im Markt wetteifern traditionelle, stereotype Produkte mit jenen angeblich modernen, die entweder eine neue Weiblichkeit bzw. Männlichkeit suggerieren (Gender-Marketing) oder aber einmal mehr ideologisch Geschlechterneutralität behaupten. Die Gestaltung „neutraler“ Dinge würde ja aber voraussetzen, dass Designer*innen (ebenso wie Nutzer*nnen, die die gestalteten Dinge ge- und verbrauchen) selber neutrale Wesen seien. Jedoch ist jedes Individuum gesellschaftlich gefordert, sein Geschlecht durch Gender-„Markers“ darzustellen. Hierfür steht ein gesellschaftliches (Design-)Repertoire zur Verfügung, dazu gehören u. a. Kleidung, Gesten, Stimme, Namen und Bezeichnungen oder spezifische Tätigkeiten. Unabhängig davon, ob sich Menschen gesellschaftlich rollen- und normenkonform verhalten oder nicht: Gender bleibt präsent noch in der Ablehnung erwünschter Geschlechtsrollen. Und ebenso ergeht es den vielfältigen Dingen, Medien, Zeichen. Gender-„Neutralität“ kann also nicht erreicht werden; sehr wohl aber – und das hilft bei der Überwindung gesellschaftlicher Geschlechter-Klischees – Gender-Sensibilität. Der einfühlsamen Gestaltung, die sich der Gender-Problematik bewusst ist, und darauf abzielt, ein möglichst offenes Design anzubieten, das in der Tendenz alle Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen einbezieht, gehört die Zukunft.

Dabei sind es keine spektakulären, sondern ganz normale, manchmal sogar banale Alltagssituationen, in denen Menschen mit den Dingen kommunizieren; oder in denen als sicher angesehene Formen überraschende andere Einsichten bieten; oder in denen durch ironische Eingriffe sich das wahre „Objektgeschlecht“ entpuppt; und der Nachweis geführt wird, dass die Gender-Kategorie auch eine lebendige, erhellende und wichtige Inspirationsquelle ist, das Design einer kritischen Überprüfung auszusetzen. Es besteht die Möglichkeit zu grundlegender Innovation, wenn Gender von Beginn an in die Designforschung und -praxis einbezogen wird.

Also: Das Konzept eines gendersensiblen, multidisziplinären Ansatzes im Design muss sowohl die unterschiedlichen Menschen als Gestaltende und Nutzende, die Geschlechtersprache der Objekte sowie die Interaktion zwischen Subjekten und Objekten einschließen. So verspricht die Zukunft des Designs wahrhafte Innovation und sensible Geschlechtergerechtigkeit!

 

 

Uta Brandes

Promovierte Soziologin und Psychologin, Autorin, Mitinhaberin Designberatungsbüro be design und bis 2015 Professorin für Gender & Design und Designforschung an der Köln International School of Design (TH Köln) – die erste Professur im Design, deren Denomination ausdrücklich der Thematik „Gender & Design“ gewidmet war. Initiatorin und Vorsitzende des 2013 in New York gegründeten „international Gender Design Network“ / iGDN. Gründungsmitglied und ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung.