Aussöhnen mit der eigenen Widersprüchlichkeit
Das Minoritenzentrum Graz („Kultum“) ist seit Jahrzehnten verlässlicher Garant für ein hochqualitatives Kunstprogramm in mehreren Sparten. Als Partner des Designmonat Graz hält im heurigen Frühjahr das Thema Design Einzug in das frisch renovierte Traditionshaus. Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch, wie Kultum-Leiter Johannes Rauchenberger im Gespräch erklärt.
Johannes Rauchberger © KULTUM/A. Hopper

Wie passt das Thema Design ins Kultum?

Jetzt unmittelbar passt es zur laufenden Ausstellung von Manfred Erjautz, der alltägliche Dinge des Lebens künstlerisch so transformiert, dass es eine fruchtbare Dialogmöglichkeit gibt. Die Ausstellung heißt „Dinge/Things“. Erjautz hat dabei aus unterschiedlichen Alltagsgegenständen Skulpturen gebaut, die alle nach Bedeutung verlangen. Warum Design ins Kultum? Dazu könnte man auch sagen: weil das Haus vollkommen neu renoviert worden ist. Diese wirklich gelungene, alte Form ist jetzt wieder erlebbar. Aber mir ist es zu wenig, nur zu sagen, dass es schön ist. Ich versuche mit dem Programm des Kultum auch immer wieder Widersprüche aufzuzeigen oder Bruchlinien sichtbar zu machen.

 

Bewusstes Handeln, Rücksicht, Einfühlungsvermögen, Solidarität, auch das Schöpferische … das sind alles Themen, die nicht nur in der christlich-religiösen Sphäre vorkommen, sondern auch beim Thema Gestaltung. Wo treffen sich Design und Spiritualität, wo sind die Unterschiede?

Beide treffen sich in genau diesen Bereichen wie Solidarität und Aufmerksamkeit und auch Wahrnehmung von Wirklichkeit jenseits von Oberflächlichkeit. Oberflächlichkeit zu durchbrechen, scheint mir als Programm im Kultum besonders wichtig und wenn wir dieses Durchbrechen der Oberflächlichkeit auch auf Design projizieren, ist viel gewonnen. Denn Design meint nur auf den ersten Blick Behübschung. Diesen Aspekt zu thematisieren, dazu eignet sich das Kultum tatsächlich sehr gut, weil es natürlich auch gefährdet ist, Behübschung auszustrahlen. Insofern ist es ein extremer Ort des Widerspruchs, weil er eigentlich vom heiligen Franziskus her geprägt ist. Trotzdem ist so etwas Prächtiges gebaut worden. Das Verhältnis von inhaltlichem Anspruch und dieser Überschüttung von Schönheit macht gerade dieses so franziskanisch geprägte Gebäude zu einem herrlichen Ort des Widerspruchs. Wenn diese Aspekte auch auf Design übergehen können, dann finde ich das großartig.

 

Der Designmonat steht unter dem Generalthema Green Transition – also grob gesagt alles rund um das Thema Nachhaltigkeit. Es gibt große Bemühungen seitens der Europäischen Kommission, Nachhaltigkeit in die Köpfe der Menschen hineinzubringen. Welchen Beitrag kann ein Haus wie das Kultum zum Thema Nachhaltigkeit und Green Transition leisten?

Unser Beitrag ist es, daran zu erinnern, dass es geistesgeschichtliche und spirituelle Traditionen gibt, die diese Nachhaltigkeit und diese Green Transition schon sehr früh angegangen sind, nämlich im 13. Jahrhundert. Franziskus hatte – in dieser Form von Schöpfungsverantwortung und dem Sehen der einfachen Dinge – schon eine originäre, auch evangelische Botschaft. Insofern sind schon die Gründungserzählungen eine Sache, der man sich bewusst werden muss. Auch die Form der Umsetzung – einen Raum zur Verfügung zu stellen, der grün und still ist. In so einem Setting muss ich immer wieder darüber nachdenken, ob man die neueste Technik wirklich benötigt oder ob es durchaus mit rein nachhaltigen Produkten geht. Und das auch auf schlichte und einfache Art zu thematisieren, das machen wir immer wieder mit künstlerischen Positionen.

 

Wie ist Ihr persönlicher Zugang zum Thema Design?

In der Gestaltung von Räumen ist mir eine schöne Form unendlich wichtig. Insofern bin ich dem Thema sympathisch aufgeschlossen. Ich kritisiere es, wenn es Behübschung wird, weil das auch meiner anderen Seite, meiner beruflichen Existenz als Kurator, guttut, wenn ich auf Widersprüche hinweisen kann. Dass Formen bewusst gesetzt sein sollten, in der Gestaltung von Räumen, das sehe ich als ganz wichtige Botschaft. Das versuche ich auch zu Hause, gemeinsam mit meiner Familie, zu vollziehen. Wir haben auch im Kultum Möglichkeiten, verantwortlich mit neuer Gestaltung umzugehen, auch im Rahmen kleiner Alltäglichkeiten. Wo steht ein Mistkübel, wie bringt man die Beschilderung an, wo hängt man Bilder auf. Wir versuchen in den umgebauten Arealen auch zeitgenössische Kunst aus unserer Sammlung zu präsentieren, aber das in Verbindung mit der Erzählung des Ortes und den von mir bereits angedeuteten Widerspruchsfeldern.

 

Widersprüchlichkeit und auch das Konzept des Missverständnisses findet man oftmals im Design. Auch in der Ausrichtung des Kultum spielen beide offenbar eine Rolle, weil die Intention des Kultum nicht davor gefeit ist, missverstanden zu werden. Ist vor diesem Hintergrund die Öffnung Richtung Design eine Möglichkeit, diese Missverständnisse aufzulösen, mehr Leute ins Haus zu bekommen und ans Haus zu binden?

Zu binden weiß ich nicht, aber dass mehr Leute kommen werden, darauf vertraue ich, weil es eine ganz andere Klientel anspricht. Das Missverständnis ist eine schöne Beobachtung, die Sie als Parallele ziehen, das würde ich auch sofort unterschreiben. Gerade das Missverständnis in puncto Religion muss man verstärkt thematisieren. Es ist nicht so, dass ich Religion oder die Auseinandersetzung mit Religion als Propaganda-Ort verstehe. Kunst hat sich beispielsweise oft dagegen aufgelehnt. Dieses Dagegenauflehnen ist ein interessanter Aspekt meiner Ausstellungsarbeit geworden, als Widerspruch auf das, was man sich erwartet. So gesehen könnte der Beitrag der Ausstellung oder des Kultum insgesamt sein, die Besucherinnen und Besucher dazu zu animieren, sich mit ihrer eigenen Widersprüchlichkeit auszusöhnen und gestärkt aus dem Haus zu gehen.

 

Interview: Stefan Schwar

Johannes Rauchberger © KULTUM/A. Hopper

Johannes Rauchberger ist Kurator, Kunsthistoriker und Theologe. Seit 2000 leitet er das Minoritenzentrum Graz, ein Mehrspartenhaus für zeitgenössische Kunst, Gegenwartskultur und Religion in Graz. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Verhältnisbestimmung von Gegenwartskunst und Religion, die sich in zahlreichen kuratierten Ausstellungen, Vorträgen, Lehrtätigkeiten und Publikationen zeigt. Seit 2010 baut er eine Sammlung für zeitgenössische Kunst und Religion auf.