Die Lebensmittelrevolution und die positiven Seiten hoher Lebensmittelpreise
Grand Opening 2023: Revolutionsrede von Christina Hedin im Rahmen des Grand Opening

Jeden Tag sind die Nachrichten voll von Meldungen ĂŒber hohe Lebensmittelpreise. NatĂŒrlich sind solche Preise ein echtes Problem fĂŒr Menschen mit niedrigerem Einkommen, aber ist Essen generell teuer? Was ist teures Essen eigentlich? Zahlen wir die gesamten Kosten fĂŒr unser Essen? Wer zahlt wirklich fĂŒr das Essen drauf?

Lebensmittel verbergen viele versteckten Kosten, die die Preise der Lebensmittel in GeschĂ€ften nicht widerspiegeln. Das eigentliche Problem mit den Lebensmittelpreisen ist also, dass wir nicht die gesamten Kosten fĂŒr das Essen tragen. Wir bezahlen nichts dafĂŒr, dass wir das Grundwasser mit dem Unkrautvertilgungsmittel „Round-up“ in DĂ€nemark verschmutzen. Wir zahlen nichts fĂŒr die schrumpfende Grundwassermenge in den USA. Wir zahlen nichts fĂŒr die Krankenversorgungskosten der Wanderarbeiter in Thailand, die in der GeflĂŒgelindustrie arbeiten und so dicht nebeneinander stehen mĂŒssen, dass sie sich gegenseitig schneiden. Wir lassen die Landarbeiter, die Tiere und die Natur diese Kosten tragen.

Unsere Lebensmittel sind also eigentlich billig, da diese zusĂ€tzlichen Kosten und Ă€ußeren Auswirkungen nicht miteinberechnet sind. Genauer gesagt mĂŒssten sie um ein Drittel teurer sein, um diese versteckten Kosten widerzuspiegeln. Aber wie berechnet man den Wert von zerstörter Natur, verschmutztem Wasser oder Krebserkrankungen? Diese Ă€ußeren UmstĂ€nde erklĂ€ren auch, warum nachhaltige und gesunde Lebensmittel fĂŒr Verbraucher oft teurer als nicht nachhaltige, ungesunde Lebensmittel sind. Und dementsprechend sind nicht nachhaltige Lebensmittel auch profitabler.

Lebensmittel sind Teil des globalen, industriellen Handels, was zur Folge hat, dass die Verbraucher den Kontakt zur Lebensmittelproduktion und den Respekt vor Lebensmitteln verloren haben. Wir verschwenden Lebensmittel entlang der gesamten Lebensmittelwertschöpfungskette. Wir respektieren die Arbeitsbedingungen von Landwirten und Lebensmittelproduzenten nicht, da wir sie nicht kennen oder sehen. Manchmal sehen wir im Fernsehen schreckliche Aufnahmen von den ZustĂ€nden in Schweine- oder HĂŒhnerbetrieben und der Verbrauch sinkt fĂŒr kurze Zeit, nur um sich bald wieder zu relativieren. Und jetzt, mit der Inflation, versuchen wir zu vergessen, was wir ĂŒber nachhaltige Lebensmittelproduktion wissen.

Wir sehen keinen Zusammenhang zwischen der Lebensmittelproduktion und den Krisen, in denen wir uns befinden – Klimawandel, Pandemie, Inflation, BiodiversitĂ€tsverlust. Aufgrund der Wirtschaftskrise kaufen wir die billigsten Lebensmittel, obwohl wir wissen, dass sie die Natur und die Lebensmittelproduzenten nur noch mehr Schaden zufĂŒgen. Wenn man sich die 17 Ziele fĂŒr Nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ansieht, stellt man fest, dass ziemlich viele von ihnen mit der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion oder dem Konsum zu tun haben. Es ist also alles miteinander verbunden.

Billige Lebensmittel bedeuten hohe versteckte Kosten, ein sehr hohes Risiko und langfristige Konsequenzen. Um Lebensmittel billig zu halten, muss an einem Ort mit vielen Tieren hoch-effektiv produziert werden. Das erhöht das Erkrankungsrisiko der Tiere, also fĂŒttert man ihnen immer mehr Antibiotika zu. Und diese vielen Antibiotika in den Lebensmitteln erschweren die Heilung von Menschen, die wĂ€hrend einer Pandemie oder auf eine andere Art erkranken. Durch die Verwendung von zu vielen Antibiotika werden also Menschenleben aufs Spiel gesetzt.

Die Art und Weise, wie wir mit unseren Lebensmitteln umgehen, ruiniert sowohl unsere Landwirte als auch die Natur. Im Ruinieren sind wir ja ziemlich gut geworden ‒ auch wenn wir wissen, was die Konsequenzen sind, tun wir es trotzdem. Die Landwirtschaftsbetriebe sind auf ein stabiles Klima angewiesen, tragen aber durch industrielle Bewirtschaftung selbst weiter zum Klimawandel bei.

Haben die hohen Lebensmittelpreise also positive Seiten? Vielleicht. Wir verschwenden weniger Lebensmittel, wenn wir im Hinterkopf haben, dass sie teuer waren. Die Leute kaufen auch weniger Fertiggerichte und produzieren mehr selbst. Energiefressendes GemĂŒse, das im Winter im GewĂ€chshaus angebaut wurde, wird weniger gekauft, was gut sein könnte. Das Essen von saisonalem GemĂŒse könnte wieder normal werden und sogar das Anbauen von GemĂŒse im eigenen Garten wird beliebter.

Wir brauchen eine Lebensmittelrevolution! Wir brauchen neue Ideen fĂŒr mehr KreativitĂ€t und eine Neugestaltung des Lebensmittelsystems! Wir mĂŒssen aufhören zu glauben, dass die gleichen Ideen, die uns in diese Situation gebracht haben, unsere Probleme lösen werden!

In diesen krisenreichen Zeiten ist es wichtiger denn je, das Lebensmittelsystem nachhaltiger zu gestalten. Die steigenden Lebensmittelpreise, die Pandemie, der Klimawandel – das alles könnte ein Ansatzpunkt fĂŒr VerĂ€nderung sein. Die Landwirtschaft kann ein Werkzeug fĂŒr die Planung und Gestaltung der Landschaft um uns herum sein und so helfen, den Respekt fĂŒr Landwirte und Natur zurĂŒckzugewinnen.

Unser Essen muss wieder mehr aus Lebensmitteln bestehen, die lokal und entsprechend unserem Klima angebaut werden. Wir können nicht ĂŒberall auf der Welt das Gleiche essen. Wir brauchen nicht in allen Restaurants der Welt Burger und Pizza.

Landwirte können sich eher um die Landschaft und die Tiere kĂŒmmern, wenn sie nicht jeden Tag durch hohe Kosten und niedrige Bezahlung unter Druck gesetzt werden. Ein vielfĂ€ltiger regionaler Landwirtschaftssektor macht uns widerstandsfĂ€higer, bereitet uns besser auf Krisen vor und erlaubt es uns, nicht mehr den Großteil unserer Lebensmittel importieren zu mĂŒssen.

Wenn man Lebensmittel beim regionalen Bio-Bauern kauft, trĂ€gt man aktiv dazu bei, dass die Landschaft um uns herum zu einem attraktiven und lebendigen lĂ€ndlichen Raum mit hoher Artenvielfalt wird. Der Preis, den man also fĂŒr Lebensmittel zahlt, ist eine Investition in die lokale Wirtschaft und in das Lebensmittelökosystem. Wir können eine Lebensmittelrevolution starten, wenn wir nachhaltige und bessere Lebensmittel kaufen.

Esst Lebensmittel aus einer Landschaft, die ihr gerne sehen wollt ‒ hergestellt von Menschen, die ihr kennt. Wir gestalten unsere Umwelt durch unser Essen.

Christina Hedin

Christina Hedin arbeitet seit 15 Jahren fĂŒr das Swedish National Center for Artisan Food. Jetzt ist sie lokale Leiterin fĂŒr politische Arbeit in der Stadt Östersund. Christina Hedin ist seit 2015 in die Arbeit der UNESCO Creative Cities involviert und war die Vorsitzende der Lenkungsgruppe fĂŒr das X. Jahrestreffen des UNESCO Creative Cities Network in Östersund, 2016. Christina Hedin hat sich in allen Jobs und Positionen auf Umweltfragen und die Entwicklung lokaler und biologischer Lebensmittel konzentriert. Hedin hat einen B.Sc. in Umweltwissenschaften von der Mid Sweden University.