FEIN, SO VIEL DESIGN!

Die Disco im Schaufenster, der Klappstuhl in der Ferienwohnung oder der High Heel Sneaker beim Optiker: „Design in the City“ zeigt außergewöhnliche Kollaborationen zwischen Designschaffenden und designaffinen Shopbesitzerinnen und -besitzern.

 

„Design in the City“ – das darf man ruhig wörtlich nehmen. Denn die ganze Innenstadt wird dabei zur Design-Plattform, und zwar in den zahlreichen Grazer Designshops. Ihr Angebot wird im Designmonat noch zusätzlich erweitert: Präsentiert werden außerordentliche Produkte, die alles andere als alltäglich sind und weit über das Gewöhnliche hinausgehen. „Design in the City“ macht diese Produkte sichtbar, aber natürlich auch die Kreativen, die dahinterstehen, und die Unternehmen, die sie vertreiben. Die Creative Industries Styria fungiert dabei als Vermittlerin und bringt interessierte Designerinnen/Designer und Shops zueinander, und zwar so, dass sie auch zusammenpassen. 5 davon stellen wir hier vor.

TANZEN, TROTZDEM!

„Disco“ sollte im Herbst 2020 bei Kastner & Öhler themengebend für die Dekoration sein. BB Coyle, dort zuständig für den Bereich Dekoration und kuratierte Sortimente, hatte dabei das legendäre Studio 54 im Kopf, die bunte Disco, die das New Yorker Leben der Siebziger- und Achtzigerjahre prägte wie kein anderer Nachtclub. Hedonistisch, laut, schrill, so war die Vorstellung BB Coyles im Herbst 2019, als sie das Thema plante. Dann kam Corona und das Leben wanderte inhouse. BB Coyles Idee: Warum nicht auch die Disco nach Hause holen?

Der Auftrag an die Designerin Milena Stavric vom Institut für Architektur und Medien an der TU Graz war, für die Schaufensterdekoration einen Schalensessel zu entwerfen, der an eine Discokugel erinnert und in seiner Form als Rückzug zum Musikhören dienen soll. Dieser „Shell Chair“ sollte das Herzstück dieses pompös inszenierten Clubs der 1970er sein, inklusive der originalgetreuen Farb- und Formensprache der damaligen Zeit. Milena Stavric nahm dafür eine bestehende Idee auf, die sie nur umdrehen musste: Als perfekte Form für den „Shell Chair“ schwebte ihr die Kuppel vor, die sie für das Museum der Wahrnehmung entworfen hatte. Umgedreht wurde sozusagen ein Sessel daraus. Ihr Entwurf, den Ognen Jokic gefertigt hat, ist aus Holz und enorm schwer.

Vom „Shell Chair“ wurden vier Exemplare gefertigt, sie konnten im Vorjahr im Schaufenster des Stammhauses von Kastner & Öhler bewundert werden. Dort schufen BB Coyle und ihr Team durch Vorhänge getrennte, rund-ovale Separées, in denen die Modetrends gefeiert wurden. „Dass wir die Szenerie in den Innenraum, ins Wohnzimmer, verlegen mussten, hat der Inszenierung keinen Abbruch getan“, erzählt BB Coyle. Im Gegenteil: Das den 1960ern und 1970ern entliehene Design und die Raumgestaltung passten treffsicher zur Lebenssituation des Jahres 2021. Runde Formen, wie sie damals en vogue waren, schaffen gestern wie heute Sicherheit, die verwendeten Braun- und Rottöne versprechen Geborgenheit und Kupfer fügt dem Ganzen einen Tupfen Glamour hinzu. Runde Teppiche und Wand- gemälde mit Wellenformen hätten die Inszenierung perfekt gemacht, schwärmt BB Coyle. „Ich würde sagen, es ist ein elegantes Cocooning entstanden.“

Milena Stavric, die schon viele Forschungsprojekte im Bereich Nachhaltigkeit geführt und begleitet hat, war dieses Thema auch beim Shell Chair wichtig, dessen Grundmaterial Holz ist. Das ist ihr das liebste Arbeitsmaterial, und egal, ob ein Holzhaus oder Sessel daraus wird, die Formensprache kann da und dort dieselbe sein, betont Stavric. Diesen holistischen Ansatz verfolgt sie in ihrer Arbeit: Dort verschmelzen Design und Forschung miteinander. Milena Stavric forscht beispielsweise an und über Algen, wie sie in der Architektur eingesetzt werden können. Ganzheitlich gestaltet sich für sie auch der Schaffensprozess, wie die Arbeit am Shell Chair zeigt: Der ist so konzipiert, dass er relativ einfach auf einer computergesteuerten Maschine produziert werden kann, ohne Arbeitsteilung, vom Plan zur Fertigstellung in einem Arbeitsschritt. Eine Serienherstellung des Wabensessels ist bereits angedacht.

© elena egger | eephotograph
© elena egger | eephotograph

HANF UND DIE LIEBE ZUR NATUR

Auf dem Grieskindlmarkt im Dezember 2019 verbrachten sie fünf Wochenenden in derselben Verkaufshütte. Die eine, Tamara Lammer, Inhaberin von „wie wir wohnen“, und Franziska Voigt, Psychologin, Designerin und Inhaberin des Labels Mutus. Die eine verkauft Wohngegenstände mit Stil, die andere fertigt sie. Vornehmlich aus Hanfgarn, denn Franziska Voigt liebt diesen Werkstoff, ein Natur- material, das dicht nachwächst und ohne Herbizide auskommt, weil es unangenehm riecht, sodass kleine Tierchen gerne Abstand von der Pflanze nehmen. Hanf reichert den Boden mit Stickstoffen an und hat als Arbeitsmaterial etwas Maritimes, das ihr gut gefällt, sagt Voigt. Ihr zweites Arbeitsmaterial sind T-Shirts, die in Streifen geschnitten und zusammengeknüpft sind. Ihre Technik ist das Häkeln, Franziska Voigt gibt damit Gläsern oder Lampen eine Umhüllung, sie verarbeitet ihr Material aber auch zu Taschen. Ihr Credo: Bei allem, was sie schafft, so wenig industrielle Produkte wie möglich zu verwenden, Wiederverwertung ist angesagt. Die Gläser und Vasen sind aus Ver- lassenschaften und Kellerräumungen, sie umhäkelt im großen Stil alte Rexgläser, ihre größte Lampe im Sortiment ist eine mundgeblasene Gallone aus den 1950er-Jahren, die sie von einem Apfelbauern be- kommen hat, der mit den Auflagen anlässlich des EU-Beitrittes nicht mehr mithalten konnte und seinen Betrieb schließen musste. In allem, was Franziska Voigt tut, steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund.

Das schätzt Tamara Lammer so an Voigts Tun. Lammer führt am Tummelplatz den Concept Store und Onlineshop für Design und Geschenke „wie wir wohnen“. Kurz nach dem Kennenlernen hat sie Franziska Voigts Lampen und Gläser ins Sortiment aufgenommen. Tamara Lammer legt großen Wert auf Qualität. „Wenn ich nach Hause komme, möchte ich es ruhig und gemütlich haben – mit natürlichen Produkten, hellem Holz, Leinen, ruhigen Farben. Es muss reduziert und aufgeräumt sein. Franziskas Produkte passen deshalb gut zu mir.“ Gerade in Zeiten der Pandemie seien Design-Kooperationen wichtig, vor allem jetzt, wo die Hauptabsatzmärkte – die vielen Messen und Designmärkte – wegfielen, betonen beide Frauen.

© Hanna Fasching

EIN SCHUH, EIN HAUS, EIN DESIGNOBJEKT

Die Geschichte mit dem High Heel Sneaker ist so spannend wie Schuhe selbst (sagt die Frau, die das schreibt). Und wenn noch dazu eine Architektin einen Schuh entwirft, wird es aufregend. Die Architektin heißt Michaela Worschitz, eine sport- liche Frau, die gern und viel zu Fuß geht und einen Schuh braucht, der sie bequem durch den Tag trägt. Und den man gut mit einem eleganten Outfit kombinieren kann. Ein Sneaker mit Absatz also.

Die Idee dafür entstand in ihrem Architekturstudium und reifte im Auslandsaufenthalt in München, über den High Heel Sneaker schrieb Michaela Worschitz sogar ihre Diplomarbeit. In Graz machte sie sich an den Gestaltungsprozess. Mit der Software, mit der sie auch Häuser plant, designte sie ihren Schuh. Denn es gibt ihn, den gemeinsamen Nenner von Architektur und Schuhen: „Beide Objekte müssen der Statik entsprechen, Komfort bieten, vor Witterungs- einflüssen schützen und einer gewissen Ästhetik entsprechen“, betont Worschitz. Doch was auf dem Skript logisch und umsetzbar klang, zog in der Praxis einen langwierigen Forschungsprozess nach sich. Die große Herausforderung sei gewesen, die beiden wesent- lichen Anforderungen für den Keilabsatz, Stabilität und Flexibilität, in einem Material zu vereinen. Die Lösung wurde im Prinzip der Bienenwaben gefunden, die den Keilabsatz flexibel und trotzdem stabil machten. Die Sohle ist aus hochwertigem Kunststoff, das zu 20 Prozent recycelt ist, die Oberfläche ist aus thermogeformtem Neopren, das Innenmaterial ist natürlich gegerbtes Leder. Auch hier die thematische Nähe zur Architektur: diese Materialkombination reagiert wie eine doppelt hinterlüftete Fassade im Gebäudebau.

Der Weg bis zum fertigen Schuh dauerte dann doch drei Jahre. Stets an Worschitzs Seite war Ehemann Jürgen Holl, mit dem sie die Monkie Mia Design OG gegründet hat. Zu zweit erledigten sie die Marktrecherche, beantragten Förderungen, forschten am perfekten Keilabsatz, sie suchten und fanden in Italien einen Schuhprodu- zenten, der bereits die erste „Auflage“ von 500 Schuhpaaren produziert hat. Durch Zufall habe man das Unternehmen entdeckt, das genauso leidenschaftlich wie man selbst an die Aufgabe heran- gegangen sei, schwärmt Michaela Worschitz. Der Schuhmacher, ein 75-jähriger Mann, sei sogar zu Weihnachten im Unternehmen gewesen, um das Werkzeug für die Schuhproduktion zu optimieren. Ja, sie könnten auch in China produzieren lassen, betont Worschitz, doch setze man lieber auf Nachhaltigkeit, Produktion in Europa, qualitätsvolles Material und kurze Transportwege. Im Vorjahr kam der High Heel Sneaker auf den Markt, als Nächstes möchte man die Frauen in Asien für den Schuh begeistern. Michaela Worschitz ist es noch immer. Sie hat den „Härtetest“ selbst gemacht und den Sneaker 16 Stunden am Stück getragen. Ohne Probleme.

Während des Designmonat Graz wird der Schuh in der Auslage von In-Optik am Kaiser-Josef-Platz 5 zu sehen sein. Der Optiker Wilfried Fauland unterstützt schon seit Jahren die Designkooperation der Creative Industries Styria. „Wir wollen demonstrieren, welch groß- artiges Design in der Stadt Graz entsteht“, sagt Fauland. Im vor- letzten Jahr waren es Möbel-Prototypen der TU Graz, heuer zeigen wir den High Heel Sneaker von Mockery Mia.“

© elena egger | eephotograph

HĂ„NG LUIS UND OFFLINE RETAIL AUF EINER WELLE

Gute Ideen entstehen oft bei einem Bier oder zwei. Wenn dann noch Sonne, Strand und Surflaune dazukommen, ist die Sache geritzt. Das war bei Michael Diekers so, als er bei seinem Surfurlaub auf Bali mit Freunden sinnierte, womit man seinen Lebensunterhalt bestreiten könne. Cool wäre, wenn es irgendwas mit Skateboards oder mit Mode zu tun hätte. Noch bevor es eine Ware oder Dienstleistung gab, die man verkaufen könnte, stand der Markenname fest. Aus dem Surferspruch „hang loose“ für „gute Welle“ wurde Häng Luis, das Logo war ein Vogel in Strichzeichnung auf einem Board.

Doch was verkaufen? Michael Diekers dachte zunächst darüber nach, was er, der passionierte Surfer und Skater, sich gewünscht hätte, mit 12 oder 13 Jahren. Leistbar und cool müsse es sein, in diesem Alter hat man ja weder Geld für coole Decks noch für die meist überteuerte Skatermode. Wobei Michael Diekers für sich ausschloss, ein neues Skaterlabel auf die Beine zu stellen, denn Mode werde schon genug – zu viel – produziert. Warum nicht Vintage? Auf der Suche nach lässiger, gebrauchter Kleidung schloss er sich mit der Caritas kurz. Auf ausgewählte Stücke, die in Sachen Coolness zu seiner anvisierten Zielgruppe passten, wollte er das Häng-Luis-Logo anbringen lassen, die feine Stickarbeit hat die Stickerei Rappi erledigt. Der Häng-Luis-Schriftzug wird vom tag.werk mit Siebdruck-Technik auf Planen gedruckt und anschließend als Etiketten vernäht. tag.werk ist ein Schwestern-Projekt von Offline Retail, einem Second-Hand- Laden in der Mariahilferstraße 19, tag.werk und Offline Retail wiederum gehören zur Caritas. Bei Offline Retail wurde man auf Häng Luis aufmerksam, Shopleiterin Ruth Nezmahen nahm mit Diekers Kontakt auf und beschloss, dass dessen Label und die gemeinsame Vintage-Idee perfekt zur Offline-Philosophie passten. Die Kooperation war somit gebongt.

An sich wollte Michael Diekers auch Second-Hand-Boards ver- kaufen, verwarf die Idee jedoch, weil Boards in der Regel „zu Tode“ gefahren würden. Doch man könne neue aus Holzresten herstellen, dachte er. Diekers kontaktierte 75 Holzverarbeiter, bekam aber nur drei Rückmeldungen. Letztlich meldete sich das Furnierwerk Merkscha in Gratwein und bot Furniere an. Damit machte sich Diekers an die Arbeit. Er suchte die optimale Lösung, um so einfach und gut wie nur möglich Boards zu pressen. Unterstützung und Ratschläge holte er sich bei einem Hersteller in Kufstein. Heute stellt Diekers zwei verschiedene Shapes her, die nach Wunsch mit insgesamt sieben verschiedenen Designs beklebt werden können. Diese stammen von den Künstlerinnen Laura Feller und Jana Dremel. Die Boards, die Vintage-Mode und Häng-Luis-Hauben sind bei Offline Retail erhältlich, sie werden dort auf Kommissionsbasis verkauft. Anlässlich des Stadtteilfests Lendwirbel soll es auch ein gemeinsames Skater-Event geben, weitere Events können gern folgen, sagt Ruth Nezmahen.

© Christoph Schober

KLIPP, KLAPP – CAPTAIN CLAP!

Simone Kovac ist bekannt für ihre Kompromisslosigkeit, was Design und Ästhetik betrifft. Kompromisslosigkeit in dieser Geschichte bedeutet auch: Es gibt einen Job, der erfüllt werden muss, und zwar bestmöglich. Ein Ferien-Appartement in Bad Mitterndorf sollte umgestaltet werden, nicht sehr groß, doch Platz bietend für eine fünfköpfige Familie – oder nur für zwei, sollten die Eltern mal Zeit für sich haben wollen. Das Bild, das sich bei der ersten Besichtigung bot: ein Wohn- und Esszimmer, ein Schlaf- zimmer, eine kleine Küche und ein ebenso kleines Bad, das Ganze um- und eingerahmt von Interieurschick der 1960er-Jahre mit (zu) vielen Sitzgelegenheiten. Simone Kovacs Idee: Raus damit, was neu hineinkommt, soll Platz und Geltung bekommen.

Rational ging sie an die Lösung und überlegte, was eine Ferien- wohnung funktionell macht und worauf man verzichten könnte. Wenn nur zwei Personen urlauben, brauche es keine sechs Sessel, die den Raum verstellten, dachte sie. Man könne stattdessen auf Klappsessel setzen, die – ästhetisch ansprechend gestaltet – an der Wand aufgehängt werden können. In ihrem Kopf war die Idee von Captain Clap geboren. Mit der Umsetzung beauftragte sie Lukas Klingsbichel von Mobelplan, mit Jelena Ristic eine Künstlerin, die den Klappsessel entsprechend als Kunstwerk in Szene setzen sollte. Die größte Herausforderung wartete dabei auf Lukas Klingsbichel, der die bislang gewohnten Ausführungen von Klappsessel anders denken musste, und zwar in der Form, dass er nach dem Zusammen- legen eine einzige gerade Fläche aufwies. Solche Lösungen sind zwar vorhanden, unterliegen aber dem so genannten Geschmacksmuster- schutz, durften also nicht kopiert werden. Captain Clap entstand letztlich in einem aufwändigen Design-Prozess aus einer Sperrholz- Multiplex-Platte. Doch damit nicht genug der Herausforderung. Denn nicht nur Funktionalität und Design müssen passen, der Klappsessel will ja auch noch bequem sein. Auch diese Quadratur des Kreises hat Produktdesigner Lukas Klingsbichel geschafft.

Das künstlerische Design stammt von Jelena Ristic. Sie ist der gestalterische Kopf hinter dem Label Of Atoms and Lines und hat ihre einzigartige künstlerische Handschrift in Linien und grafischen Formen gefunden. Damit verzierte sie bereits einige Büroräume und Wände, die Kontemplation bringen sollen. Mit der Farbe Blau, die in der Bad Mitterndorfer Ferienwohnung tonangebend ist, hat sie auch Captain Clap veredelt, und zwar so, wie es sich die Auftraggeberin Simone Kovac vorgestellt hat. Diese wiederum hätte dem sitzfähigen Kunstwerk gern noch ein „Flauschi-Element“ verpasst, das den Gebrauchsgegenstand stärker als Kunstobjekt definiert hätte. Doch das ist zunächst nur eine Idee. Fertig hingegen ist die Tapete, die das Gestalterduo Kovac – Ristic gemeinsam entworfen haben. Sie be- steht aus sechs Teilen, die beliebig miteinander kombiniert werden können.

Kovac, Klingsbichel und Ristic, die sich 2019 bei der Designmonateröffnung kennengelernt haben, freuen sich, in nur zwei Jahren – streng genommen abzüglich eines Coronajahres, das die Zusammenarbeit stark einschränkte – nun im Kunsthaus Shop ihr gemeinsames Produkt vorstellen zu dürfen. Die drei planen eine zukünftige Serienfertigung des Produkts, und das in der Region.

© elena egger | eephotograph