„Leben ohne Plastik? Unmöglich!“

Als Kuratorin für Design-Projekte in der niederländischen Botschaft in Moskau bemerkte Alexandra Sankova, dass es in Russland keine Institution gab, die sich mit Design auseinandersetzte. Daher gründete sie im Jahr 2012 das Moskauer Design Museum, das auch Ausgangspunkt der Ausstellung „Fantastic Plastic“ ist.

 

Frau Sankova, Ihre Ausstellung „Fantastic Plastic“ präsentiert Designobjekte, die aus recyceltem Plastik hergestellt wurden. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Ausstellung über Plastik zu machen?

Bevor ich das Moskauer Designmuseum im Jahr 2012 eröffnet habe, habe ich in der niederländischen Botschaft in Moskau als Designexpertin gearbeitet. Auf meinen Reisen in die Niederlande und in andere Länder habe ich viele Ausstellungen, Workshops und Vorträge zum Thema Plastikrecycling besucht. Im YKSI Eindhoven gibt es zum Beispiel eine dauerhafte Ausstellung von Produkten aus recyceltem Plastik.

2017 startete in Russland eine staatliche Plastikrecycling-Initiative. Vorher haben wir Plastikabfall nicht vom restlichen Müll getrennt. Unser Projekt kam dann genau zum richtigen Zeitpunkt. 2018 haben wir für unsere Ausstellung eine Förderung vom Plastikhersteller SIBUR Holding erhalten, der gerade erst eine Nachhaltigkeitsinitiative innerhalb seiner Firma gestartet hatte. Damals haben nur sehr wenige russische Designer mit recyceltem Plastik gearbeitet, aber in den letzten 3 Jahren starteten immer mehr neue Projekte, was uns zu hoffen gibt, dass Designer in der Zukunft eine große Rolle in der Veränderung unseres Recyclingverhaltens spielen werden.

So ein Projekt wie unseres hat es vorher in Russland nicht gegeben. Überhaupt gab es im Bereich der Design-Ausstellungen eigentlich gar keine Initiativen in diese Richtung. Wir waren die ersten, die ein Ausstellungsprogramm mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit entwickelten. Wir wollten die besten internationalen Beispiele von wiederverwendetem Plastik nach Russland bringen, um die russischen Designer dazu zu inspirieren, mit diesem „neuen“ Material zu arbeiten.

Wir kuratieren die Ausstellung gemeinsam mit Olga Druzhinina. Vor der Eröffnung haben wir ausgiebig über Plastikrecycling recherchiert und auch in den 2 Jahren, in denen die „Fantastic Plastic“-Ausstellung in verschiedenen Regionen gezeigt wurde, haben wir unsere Recherche fortgeführt. Es ist also ein kontinuierliches Forschen. Und als großen Abschluss haben wir dann die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Tretjakow-Galerie ins Moskauer Designmuseum gebracht, dem Hauptmuseum für russische Kunst. Die Ausstellung in der Tretjakow-Galerie kann bis zum 30.5.2021 besucht werden.

 

In Europa weisen immer mehr Stimmen darauf hin, dass wir weniger Plastik verwenden und stattdessen auf alternative Materialien umsteigen und etwa Stoffsäcke satt Plastiksäcke oder Aluminium- statt Plastikflaschen verwenden sollten. Es wirkt schon fast wie eine Art Anti-Plastik-Bewegung. Warum haben Sie sich dennoch für den recht provokanten Titel „Fantastic Plastic“ entschieden? Was ist – ungeachtet der negativen Auswirkungen auf die Umwelt – so „fantastisch“ an Plastik?

In den 1960er Jahren war Plastik ein soziales Material, jeder konnte günstige Plastik-Produkte erwerben, egal ob Spielzeug, Möbel oder Küchengeräte. Heutzutage ist Plastik wirklich ein Weltproblem. Aber das Problem ist eigentlich nicht das Plastik selbst, sondern die Tatsache, dass wir Plastik jahrelang nicht recycelt haben und auch heute noch immer nur ein geringer Anteil recycelt wird. Wir sollten zu dem Punkt gelangen, an dem wir 100 % des Plastiks wiederverwenden und gleichzeitig alternative Materialien wie Bioplastik einsetzen.

Über die Gefahren von Plastikabfall wurde schon viel geschrieben und gesagt, es ist aber essenziell, den Blick jetzt auch auf die einzigartigen und vorteilhaften Qualitäten von Plastik zu richten. Leben ohne Plastik ist unmöglich: Möbel für Schulen, Bibliotheken oder öffentliche Plätze, medizinische Geräte und vieles mehr besteht aus Plastik. Aber wir verwenden Plastik häufig nur ein paar Minuten, obwohl es eigentlich jahrhundertelang verwendet werden könnte. Plastik hat einen langen Lebenszyklus und kann fast unendlich oft recycelt werden. Es kann die Struktur jedes Materials nachahmen und ist dabei auch noch ein günstiges Rohmaterial, das einfach zu recyceln ist und für fast alles eingesetzt werden kann – von Kleidung bis zu Baumaterialien. Wenn jeder – von Regierungsinstitutionen bis hin zu kleinen privaten Designinitiativen – sich am Recyclingprozess beteiligt, können wir das Problem nach und nach beheben.

 

Manche Umweltschützer könnten befürchten, dass die Ausstellung den Menschen suggerieren könnte, dass wir so viel Plastik verwenden können, wie wir möchten – „gib es einfach in die richtige Mülltonne und das war’s“ –, anstatt sich zu bemühen, auf alternative Materialen umzusteigen. Was sagen Sie zu solchen Befürchtungen?

Im Grunde genommen sollten tägliche Abläufe wie das Kaufen von abgepackten Lebensmitteln so konzipiert sein, dass der Käufer letztendlich den Abfall einfach in die richtige Tonne wirft. Hier braucht es Design Thinking, sodass der Konsument alles automatisch richtig macht. Gleichzeitig sollte natürlich jeder so viel Umweltbewusstsein haben wie nur möglich. Jeder Einzelne von uns ist für unseren Planeten und unser Ökosystem verantwortlich, aber wir können natürlich nicht garantieren, dass alle Ausstellungsbesucher unsere Message eindeutig so begreifen wie von uns vorgesehen. Wir tun, was wir können, und wir hoffen, dass unsere Besucher ihre Einstellung zu recyceltem Plastik ändern und verstehen, dass es nicht schädlich ist und sie keine Angst davor haben zu brauchen. Die Ausstellung soll zeigen, dass recyceltes Plastik als Material wichtig für die Umwelt und unsere Gesellschaft ist und praktisch in der Produktion. Wir wollen die immer noch bestehenden Stereotypen darüber, dass recyceltes Plastik von minderer Qualität ist, ein für alle Mal beseitigen.

Wir können natürlich Ausstellungen über verschiedene Aspekte von Ökologie und ökologischem Design machen. Und auf unseren geführten Touren und in den Katalogen und Broschüren, die Teil unseres Bildungsprogrammes sind, erklären wir auch, was Umweltdesign generell ist und warum wir Einmalplastik meiden und stattdessen wiederverwendbares Geschirr und Stoffbeutel für unsere Lebensmittel verwenden sollten. Aber diese Ausstellung zielt hauptsächlich darauf ab, Produkte aus und Projekte mit recyceltem Plastik zu zeigen und auf dieses vielversprechende Material aufmerksam zu machen.

 

Lassen Sie uns nun etwas über Russland sprechen: Wie wichtig sind Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Recycling in Russland? Spielen diese Themen eine große Rolle im täglichen Leben der Russen und Russinnen? Sind sie sich über die Bedeutung dieser Themen bewusst?

In der Sowjetunion hat jeder Papier und Glas recycelt, Dinge wurden das ganze Leben lang verwendet (weil neue einfach nicht verfügbar waren). Mein Vater hat zum Beispiel immer Bioabfall vom Rest getrennt, er hat Plastikbecher ausgewaschen und immer einen Stoffsack in seiner Hosentasche mitgetragen. Nachhaltigkeit war für die sowjetische Bevölkerung selbstverständlich. Das hat auch auf Landesebene funktioniert, weil es strenge Regeln gab.

Als dann immer mehr Produkte verfügbar wurden, sind erstmal alle in Konsumfreude verfallen, aber nach einiger Zeit sind wir wieder zu denselben Werten zurückgekehrt, nur mit einer anderen Ideologie. Die Jugend von heute sammelt, trennt und recycelt Abfall und sucht Orte, wo Batterien, Fiebermesser und so weiter abgegeben werden können.

Es ist großartig, dass das Bewusstsein unter den Jungen so stark zunimmt. Wir freuen uns sehr, dass viele junge Menschen aus den verschiedensten Regionen Russlands zur Ausstellung kommen und an unserem Online-Bildungsprogramm teilnehmen. Wir bemerken außerdem, dass jetzt, wo unser Projekt läuft, in Russland immer mehr neue Projekte, die mit recyceltem Plastik zu tun haben, entstehen.

 

Wie sieht es mit der russischen Politik aus? Sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit Teil der politischen Agenda?

In Russland wurde Umweltschutz und Nachhaltigkeit später thematisiert als in Europa. 2018 startete die staatliche Recyclinginitiative. Mittlerweile gibt es in Russland mehr als 200 Recyclingbetriebe, aber trotzdem werden immer noch weniger als 15 % des Plastiks recycelt. Wir haben also noch einen langen Weg vor uns.

Bei uns hängt vieles von der Unterstützung der Regierung ab. Natürlich gibt es schon seit langer Zeit Umweltschutz-Initiativen auf privater Ebene. Diese waren aber bisher meist eher systemische Aktionen von Aktivisten, die gegen die riesigen Mülldeponien nahe ihren Wohnorten protestiert, Naturgebiete vor Abholzung und Verbauung bewahrt oder seltene Tierarten geschützt haben. Erst in den letzten 4 Jahren ist es zum massiven Ausbau von Recyclingbetrieben und zum Start großangelegter regionaler und städtischer Initiativen gekommen. So werden etwa Umweltfestivals organisiert und in den Schulen findet Unterricht über Umweltschutz statt.

 

Kommen wir nun zu Ausstellung selbst: Sie haben sich dazu entschlossen, das recht kontroverse Thema Plastik mit Design zu verbinden. Welche Rolle spielt Plastik im Design?

Seit den 1960ern inspiriert Plastik Designer weltweit. Wir alle kennen so kultige Designs wie jene von Kartell, dem niederländischen Designer Verner Panton oder die Plastikstühle von Philippe Stark. Viele exklusive Möbel, die in Museumskollektionen oder luxuriösen Innenräumen landeten, wurden aus Plastik hergestellt.

Bekannte Designer haben schon immer mit Plastik gearbeitet. Ich würde sogar sagen, dass dieses Material in Mode kam, weil Designer es verwendeten. Und jetzt freuen wir uns zu sehen, dass die heutige Generation von Designern mit recyceltem Plastik arbeitet.

In den 1960er Jahren hat es sogar eine ganze Bewegung in der Plastikarchitektur gegeben – kleine Häuser wie FUTURA sind in verschiedenen Ländern verkauft worden. Auch die Sowjetunion hat in diese Richtung experimentiert, das war dann die Zeit, als auch synthetische Kleidung modern wurde.

Heute liegt es im Trend, recyceltes Plastik zu verwenden: Unternehmen streiten darüber, wessen Produkte einen höheren Anteil an recyceltem Plastik beinhalten. Das ist ein sehr wichtiger Prozess und wir haben uns entschlossen, mit unserer Fantastic-Plastic-Ausstellung daran teilzunehmen.

 

Könnten Sie uns einige der Highlights der Ausstellung vorstellen? Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?

Ich glaube, eine der wichtigsten Designprojekte, die im Rahmen der Ausstellung präsentiert werden, sind jene über Kinderspielzeug und Kindermöbel. Um eine Generation heranzuziehen, die sich um unseren Planeten kümmert, neue Materialien entwickelt und Sortier- und Recycling-Maschinen entwirft, müssen wir das Wiederverwenden und Recycling von Materialien quasi in die DNA unserer Kinder einbauen, sodass diese Prozesse Teil ihres täglichen Lebens werden.

Bei EcoBirdy (von den in Antwerpen ansässigen Designern Joris Vanbriel und Vanessa Yuan) handelt es sich um Kindermöbel, die aus zerbrochenem Plastikspielzeug hergestellt wurden. Das Spielzeug haben Kinder vorbeigebracht, um es recyceln zu lassen. Diese Möbel werden dann von Kindergärten gekauft, sodass die Kinder aus eigener Erfahrung lernen, dass Plastik recycelt werden kann, dass man aus Spielzeug Möbel und aus Möbeln wieder Spielzeug machen kann.

Ein anderes Designprojekt mit Spielzeug wurde von der niederländischen Firma Muima initiiert. Hier geht es aber nicht nur um irgendein Spielzeug, sondern es handelt sich um Spielzeug, das im Rahmen eines kenianischen Sozialprojektes von studentischen Designern hergestellt wurde. Die Firma bezahlt einen anständigen Lohn an die Zulieferer von recycelbaren Materialien, also an Plastiksammler. Die kenianische Firma beschäftigt 11 Familien, denen der gesamte Profit zukommt.

Die Ausstellung präsentiert auch Arbeiten vom Design-Star Dirk Van der Kooij. Er entwickelte einen riesigen Roboterarm, der Möbel in 3D druckt. Damit kreierte er die beiden preisgekrönten Sessel Endless Chair und Chubby Chair. Ein weiteres interessantes Objekt aus recyceltem Plastik ist der A.I. Chair, den Philip Starck mithilfe künstlicher Intelligenz kreierte. Und auch Kartell verwendet recyceltes Plastik und rekrutiert dafür internationale Design-Stars – ganz so wie das damals in den 1960er Jahren mit Virgin Plastic (Anm. neu hergestellter Kunststoff) gemacht wurde.

Die Ausstellung zeigt auch Projekte, die in Zusammenarbeit mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen durchgeführt wurden. Die israelische Designerin Shahar Livne führte etwa ein Designprojekt durch, das sich an der Schnittstelle zwischen Design, Biologie und Geologie befindet. Livne erforscht Materialien und entwickelte Lithoplast – ein experimentelles Komposit, das aus der wissenschaftlichen Erforschung zur Bildung neuer Verbindungen in den Gesteinsschichten der Erde entspringt. Dieses Material werden unsere Nachfahren finden, wenn sie in tausenden von Jahren unsere Kulturschicht ausgraben.

Die Ausstellung in Graz wird aber besonders für die russischen Aussteller von großer Bedeutung sein. Fantastic Plastic ist die erste Ausstellung, in der sie ihre Werke zeigen können. Die Teilnahme an der Ausstellung im Designmonat Graz wird sie zweifelsohne dazu inspirieren, auch in Zukunft weitere Projekte mit Fokus auf Recycling durchzuführen.

Ekaterina Lukyanova kreierte wunderbaren Schmuck aus recyceltem Plastik und Masha Puchkova gestaltete eine Kollektion von Kimonos. Das Start-up wurde erst 2021 gegründet und auch Künstler nahmen am Projekt teil. Diese Kimonos und andere aus recyceltem Plastik hergestellte Kleidungsstücke mit verschiedenen Mustern können in einer virtuellen Umkleidekabine anprobiert und anschließend bestellt werden. Eine weitere russische Designerin, Bulyash Todayeva, erstellte Dekoration und Souvenirs aus recyceltem Plastik. Nach ihrem Studienabschluss an der Stroganov Akademie in Moskau (Fakultät für Industrial Design) organisierte sie einen Workshop, im Rahmen dessen sie Plastik recycelt und ein Netzwerk von Freiwilligen bildete, die Kurse und geführte Touren durchführen.

 

Was ist das Ziel der Ausstellung – die Hauptaussage, die Besucherinnen und Besucher mitnehmen sollten?

Die Ausstellung zeigt, dass man aus recyceltem Plastik machen kann, was man will – Kleidungsstücke, Spielzeug, Inneneinrichtung oder Baumaterialien. Recyceltes Plastik ist ein Material des 21. Jahrhunderts. Jede Plastikart hat natürlich einzigartige Eigenschaften, aber das Wichtige ist, dass alle Arten verwendet werden können, um dauerhafte Produkte herzustellen: Pier-Bretter oder Bodenplatten aus recyceltem Plastik halten mehr als 100 Jahre.

 

Sind Sie selbst eine leidenschaftliche Umweltschützerin und Recyclerin?

Zu Hause trenne ich Plastik von Bio-Abfall und auf der Datscha haben wir einen Komposthaufen. Ich habe keinen Mehraufwand – ich wasche das Plastik einfach, bevor ich es wegwerfe. Und ich versuche, keine Plastiksäcke und kein Wegwerfgeschirr zu verwenden. Aber das Wichtigste, das ich gemeinsam mit Olga Druzhinina und unseren Kollegen vom Moskauer Design Museum gemacht habe, ist, dass wir unsere Ausstellung online gestellt und ein kostenloses Bildungsprogramm mit internationalen Experten organisiert haben. Das ist äußerst wichtig für Russland und alle russischsprachigen Länder. Und wir freuen uns sehr, dass das Projekt jetzt auch in andere Länder kommt. Wir möchten uns ganz herzlich bei Graz für das Interesse und die Organisation der Ausstellung im Rahmen des Designmonat Graz bedanken.

© Alexandra Sankova
Alexandra Sankova ist die Kuratorin der Ausstellung „Fantastic Plastic“ und Leiterin des Moskauer Design Museums.