Nachhaltiges Denkgebäude

Eine Besprechung in der Berghütte am See und dann mit dem Orient Express ins Fitnessstudio: Der neue Merkur Campus ist eine Unternehmenszentrale, die keine sein möchte. Sein neues Interior Design ist eine Absage an allzu mainstreamigen Corporate-Stil und schafft stattdessen ein Gesamtkunstwerk aus Nachhaltigkeit, Modernität und echtem Wohlfühlbüro. Wie das Designkonzept der SelfSightSeeing Company im Detail funktioniert, lässt sich bei der Ausstellung „SUREAL – Sustainable Responsive Art Lab“ bis 29. Mai im designforum Steiermark erleben.

 

Es soll ja nicht nach einer Versicherung aussehen: So lautete die Kurzfassung des Briefings für das Interior Design der neuen Unternehmenszentrale der Merkur Versicherung an Itshe Petz und Io Tondolo, genannt „SelfSightSeeing Company“. „Wir wollen mit unserem Konzept in ein Abenteuer einladen“, erklärt Io Tondolo die Idee hinter dem neuen Merkur Campus. „Das Gebäude sollte ein Erlebnisraum werden, mit Installationen, Themenräumen und Details, die es zu entdecken gibt.“ Erste Entwürfe für die Neugestaltung der 10.000 Quadratmeter Nutzfläche entstanden 2017. Wer in den folgenden drei Jahren den Fortschritt via Webcam beobachtete, merkte schnell, dass diese Unternehmenszentrale anders als der Mainstream werden würde. Alle Oberflächen, Möbel, Lampen, insgesamt elf Büroetagen, die Eingangshalle, das Kundenzentrum und sogar ein Fitnessstudio haben die einzigartige Handschrift der SelfSightSeeing Company bekommen: außergewöhnliche Materialien, Upcycling-Objekte, Foto-Collagen als Tapeten, Meeting-Räume im Stil des Orient Express oder einer Berghütte am See. Das zentrale Kunstwerk, das „Merkur Molekül“, zieht sich an den Wänden als Flieseninstallation entlang, eine Skulptur des Merkur, des römischen Gottes des Handels und Namensgeber des Unternehmens, steht ebenfalls im Foyer. „Heute ist das ungewöhnlich, dass Künstler und Designer ganze Gebäude gestalten – früher war das normal. Wände wurden bemalt, Skulpturen hingestellt.“ Damit steht der neue Merkur Campus gleich in mehrfacher Hinsicht für Modernität aus Tradition.

 

Sustainable Design: bis ins letzte Detail nachhaltig

Modern heißt auch klimafreundlich: Nachhaltigkeit bei der Gebäudetechnik ist heute Standard. So kommt auch der Merkur Campus nicht ohne LED-Beleuchtung, Energierückspeisung, Sonnenschutz und natürliche Belüftung aus. Aber auch im Innenraum setzte die SelfSightSeeing Company dezidiert darauf, Vorhandenes wiederzuwenden und auf originelle Weise Ressourcen zu sparen: Historische Türen und Teile der alten Büroeinrichtung aus dem ehemaligen Hauptgebäude am Joanneumring wurden zu neuen Einrichtungsgegenständen upgecycelt, die Teppiche bestehen aus Recycling-Material und 550 alte Flugzeugboxen der Air Berlin ersetzen übliche Bürocontainer. „Typisch für unsere Projekte ist, dass wir vorhandene Materialien aufnehmen und sie transformieren und neu kombinieren. So geben wir ihnen eine neue Bedeutung“, berichtet Itshe Petz. So legten die Designer bei den Türen alte Farbschichten frei und spielen so subtil auf die lange Geschichte des Unternehmens an, die immerhin bis ins Jahr 1798 zurückreicht. An den Anfang soll der „Gründerbrunnen“ erinnern, der im Foyer als Wasserspender dient und als Symbol für den Ursprung für Gesundheit und Leben steht. Die Vision des Auftraggebers, eine „Vorsicherung“ zu sein, spiegelt sich ebenfalls im Design der SelfSightSeeing Company wider: Im Fitnessstudio ist jeder Raum einer Sportart gewidmet. „Inspiration war die Geschichte des Sports“, erzählt Io Tondolo. „Die Merkur steht seit ihrer Gründung als Versicherung für Industriearbeiter für gesunden Lebensstil und Sportlichkeit, und das soll das Design auch zeigen.“

 

Responsive Design: Die Belegschaft redet ein Wörtchen mit

Aber was sagen eigentlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu, wenn sie auf einmal in einem so außergewöhnlichen Arbeitsumfeld wiederfinden? Itshe Petz und Io Tondolo waren sich bewusst, dass gewagte und mutige Gestaltung eines Arbeitsplatzes Fingerspitzengefühl braucht. „Wenn da einfach zwei Künstler daherkommen und irgendetwas Komisches hinbauen, wäre die Akzeptanz nicht besonders groß gewesen“, sagt Petz. „Deswegen haben wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Merkur von Anfang an den Designprozess eingebunden.“ In ihrem Atelier fanden regelmäßige Workshops statt, bei denen sich das Designerduo Ideen, Inspirationen und Feedback von der Merkur-Belegschaft holte. „Wir wollen Wohlfühlräume schaffen. Wir wollen, dass die Menschen, die hier arbeiten, aus ihren Büros hinausgehen und in eine andere Welt eintauchen.“ Wie diese Welt aussehen sollte, das bestimmten die Mitarbeiter selbst mit – und sie verewigten sich sogar in den Wänden: Das „Merkur-Molekül“, die Flieseninstallation, die sich durch das gesamte Gebäude fortpflanzt, besteht aus historischen Bodenfliesen der Wiener Kapuzinerkirche. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Merkur haben sie rückseitig beschriftet und mit individuellen Wünschen und Sprüchen versehen. „Der Erfolg eines Unternehmens sind immer die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt“, betont auch Christian Kladiva vom Merkur-Vorstand. „So wie ein Molekül aus mehreren Teilchen besteht, sind auch unserer Mitarbeiter ein Teil der Merkur“, so Kladiva.

 

Itshe und Io: Designerduo im kreativen Gleichklang

Itshe Petz und Io Tondolo, die hinter der „SelfSightSeeing Company“ stecken, sehen ihre Arbeit angesiedelt an der Grenze zwischen bildender und performativer Kunst sowie Design. „Wir gestalten Orte, die zu Erlebnissen werden. Das, was in den Menschen geschehen soll, nennen wir ‚self sight seeing‘ – wenn der äußere Raum auf das Innere wirkt“, erklären Itshe und Io. Eine originelle Wirkung erzeugen die beiden Designer sogar selbst: Sie sind jeden Tag gleich gekleidet. „Wir wollen, dass die Leute sehen, dass wir eine Verbindung haben, dass wir gemeinsam durchs Leben gehen und arbeiten.“ Abwechselnd wird entschieden, was am jeweiligen Tag angezogen wird – die Kleidung bewahren sie in zwei gespiegelten, exakt gleich einsortierten Schränken auf.

 

Text: Susanne Ary