Queer Revolution
Grand Opening 2023: Revolutionsrede von Io Tondolo und Itshe Petz (SelfSightSeeing Company) im Rahmen des Grand Openings

Wir sind heute hier, um √ľber die Queere Revolution und die dringende Notwendigkeit zu sprechen, das Feld des Designs zu queeren. Design ist nicht nur eine pers√∂nliche Wahl oder eine √§sthetische Vorliebe, es ist politisch. Es spiegelt die Werte und √úberzeugungen der Gesellschaft wider, in der wir leben, und es pr√§gt unsere allt√§glichen Erfahrungen. Als queere Wesen wurden wir gezwungen, uns hinter den Mauern zu verstecken, die von Anh√§ngern der patriarchalen Heteronormativit√§t seit Jahrhunderten errichtet wurden. Wir wurden von Fanatikern und Religionen unterdr√ľckt, gejagt und abgeschlachtet. Sie haben versucht, uns von der Natur, unseren K√∂rpern und der Realit√§t unserer Macht zu trennen. Aber wir waren schon immer da, infiltrierten und beeinflussten die Welt des Designs auf unsere eigene Art und Weise.

Wir sind nicht daran interessiert, uns in die sterbende Realität degenerierter alter weißer cis-Männer assimilieren zu lassen. Wir wollen Teil des Designs einer neuen Realität sein. Wir wollen Teil der Revolution sein. Als queere Designer haben wir die Macht, diesen Wandel anzustoßen und queere Räume zu schaffen.

Queerer Raum ist ein Raum der M√∂glichkeiten, der L√ľcken, √úberlappungen, Dissonanzen, Resonanzen, Verfehlungen und Bedeutungsexsessen. Es tr√§gt die M√∂glichkeit in sich, anders zu handeln, normative R√§ume herauszufordern und deren Regel Korsett zu durchbrechen. Queerer Raum ist ein Raum im Prozess, ein werdender Raum, ein Raum des Wandels, der trotz seiner temporalit√§t Territorium beansprucht. Es ist ein ambivalenter, offener, selbstkritischer, ironischer und verg√§nglicher Raum der bleibende Bilder hinterl√§sst.

Um Heteronormativit√§t zu kritisieren, m√ľssen sich queere R√§ume eine dauerhafte Pr√§senz erobern. Queere R√§ume, die im Untergrund von St√§dten und Ortschaften versteckt sind, schaffen nichts anderes als Erscheinungen, die vergessen und aus der Kultur getilgt werden k√∂nnen. Wir m√ľssen eine sichtbarere Pr√§senz in der Kreativindustrie erlangen, um ernst genommen zu werden und echte Ver√§nderungen zu bewirken.

Als queere Wesen brauchen wir einen Raum, in dem wir erkunden können, wer wir wirklich sind, wo wir unsere fluide Geschlechtervielfalt ausleben und unsere äußere Erscheinung so oft ändern können, wie wir es möchten. Wir brauchen einen Raum, in dem wir exzentrisch, unverfroren und unser selbst gewähltes Sein strahlen lassen können. Wir haben das Recht, anders zu sein, zu glänzen, zu zeigen, dass wir hier sind ohne uns von Trugbildern des hetero-kapitalistischen Lifestyles assimilieren zu lassen.

Eine queere Architektur muss historische Unterdr√ľckungssysteme innerhalb der Architektur abbauen, insbesondere den Akt des Entwerfens und Bauens als Werkzeug der Dominanz √ľber marginalisierte Menschen. Eine queer gepr√§gte Architektur ist durchtr√§gt von Radikalit√§t, da sie ein neues Paradigma vorschl√§gt: eine Architektur, die gleichzeitig gebaut und abgebaut wird, sich permanent ver√§ndernd in einem Zustand des Wandels ist; eine Architektur der Unm√∂glichkeit, die st√§ndig in Mutation, Metamorphose und im Seinszustand der Fluidit√§t verweilt und gleichzeitig eine stabile Pr√§senz zeigt.

Wenn wir mit dem Wissen um die Macht queerer R√§ume und ihre Bedeutung in der Gesellschaft, im √∂ffentlichen Raum und in der gebauten Umwelt weiterarbeiten, k√∂nnen wir hoffen, dass diese Informationen den Horizont von Architekten und Designern, die nicht queer sind, immer weiter √∂ffnen und erweitern. F√ľr den Fall, dass auch Sie sich als queer identifizieren, soll die Anerkennung Ihrer Existenz Sie ermutigen, mehr Raum einzunehmen, stolzer zu sein und Arbeiten zu produzieren, die vollkommen und kompromisslos queer sind, und sich der glorreichen Linie bewusst zu werden, in der Ihre Arbeit stehen wird.

Abschlie√üend m√∂chten wir unsere aktuelle, gebaute Umwelt in Frage stellen, oder die Frage stellen, ob sie queere Bed√ľrfnisse ernst nimmt. St√§dtebau und Wohnbau sind gr√∂√ütenteils das Werk von Heterosexuellen, die bewusst oder unbewusst ihre normativen Ideen auf alles anwenden. Es ist an der Zeit, uns zu fragen: Welche Art von gebauter Umgebung w√ľnschen sich die mehr als 14% der Bev√∂lkerung die sich als queer identifiziert? Wir haben gemeinsam die Macht, echte Ver√§nderungen zu bewirken und eine Welt zu schaffen, in der queere gebaute Umwelt sichtbar, akzeptiert und gefeiert wird. Die Revolution muss nicht kommen; sie ist bereits hier, und wir sind Teil ihr.

Wir m√∂chten den folgenden Forscher:innen, Schriftsteller:innen, Aktivist:innen und K√ľnstler:innen f√ľr ihre Arbeit danken, die unsere Rede inspiriert haben. Wir haben ihre Worte in einer nicht-akademischen und vielleicht queeren Art und Weise kombiniert und verflochten, indem wir Fragmente gesammelt und hoffentlich auf eine Weise angeordnet haben, die gesch√§tzt wird.

Aaron Betsky, Queer Space РArchitecture and Same Sex Desire, 1997 / Paul B. Preciado, Interview Spiegel Kultur, 2020 / Paul B. Preciado, Pornotopia, 2014 / Jaffer Kolb, Stand By Your Monster and Some Queer Methods, Princeton University, 2017 /  Andrés Jaque, Intimate Strangers, London Design Museum, 2017 /  Cristopher Reed, Imminent Domain: Queer Space in the Built Environment, 1996 /  Evan Pavka, in AZURE Magazine, What do we mean by queer space?, 2020 /  Lucas Cassidy Crawford,  in Transgender Architectonics, 2015 / J. Cottrill, in Queering Architecture / Eloise Choquette, in archithese queer, 2020 / Jörg Himmelreich, in archithese queer, 2020 / Jullia Joson, Queer Spaces: Why Are They Important in Architecture and the Public Realm?, Article ArchDaily, 2022

Io Tondolo & Itshe Petz (SelfSightSeeing Company)

Io Tondolo und Itshe Petz sind Designer:innen, Kurator:innen und K√ľnstler:innen. Sie leiten gemeinsam ihre Designagentur SelfSightSeeing Company. Ihr Fokus liegt auf Sustainable Design und k√ľnstlerische Designkonzepte unter Einbeziehung der User:innen. F√ľr ihre Projekte entwickeln sie eigene M√∂belunikate mit einem Schwerpunkt auf Reuse von Materialien, eigene Stoff- und Tapetenkollektionen, Lichtobjekte und Rauminstallationen.

Als Kurator:innen leiten sie die kulturfrische. Sie entwickeln Bespielungskonzepte f√ľr Leerstand und verbinden Kulturprogramm mit Tourismus am Land. Mit einem Residency Programm geben sie Designer:innen und K√ľnstler:innen die M√∂glichkeit am Land in Ruhe an Projekten zu arbeiten. Als K√ľnstler:innen arbeiten Sie fortw√§hrend an ihrem Langzeitprojekt itshe+io, einer Selbstinszenierung zwischen Business Artist und queerem Aktivismus. In ihren Werken behandeln Sie gesellschaftliche Themen mit kunstbasierter Forschung.

Mit ihrem Projekt: Absteige zur b√§rtigen Therese, einer queeren Herberge auf der Alm engagieren sich itshe+io f√ľr queeren Raum und Akzeptanz am Land. Sie sind Gastdozen:innen f√ľr Social and Sustainable Design an der FH Joanneum und f√ľr Performancekunst an der P√§dagogischen Hochschule Graz.