30 WAYS TO A BETTER FUTURE

Mit den 30 WAYS TO A BETTER FUTURE wurde fĂŒr den Designmonat Graz 2021 ein eigenes „Mikro-Vermittlungsformat“ entwickelt: Anhand von 30 ausgewĂ€hlten Programmpunkten zum Thema „Better Future“ wird mithilfe von analogen und digitalen MikrofĂŒhrungen zu Projekten, AusstellungsbeitrĂ€gen, GesprĂ€chen und Treffen mit DesignerInnen nach Antworten und Lösungen fĂŒr eine bessere Zukunft gesucht.

Zu den Programmpunkten zĂ€hlen unter anderem FĂŒhrungen durch Ausstellungen wie Fantastic Plastic in der Herrengasse und SUREAL. Sustainable Responsive Art Lab im designforum Steiermark. Außerdem sind auch Podcasts zu den Themen des Designmonats und Guided Tours im Rahmen von Design in the City Teil der 30 WAYS TO A BETTER FUTURE. Die Touren fĂŒhren in unterschiedliche Teile der Stadt. Alles rund um die Herrengasse, das Lendviertel und den Kaiser-Josef-Platz wird dabei unter der kundigen FĂŒhrung der Graz Guides mit dem Fokus auf die teilnehmenden „Design in the City“-Shops erobert. Die Shops laden zu PrĂ€sentationen und „Meet the designer“-Events ein: Vom High-Heel-Sneaker ĂŒber Taschen, „Mut zum Hut“ und handgefertigten Hornlampen bis zum Rad-Design ist alles dabei.

Die 30 WAYS TO A BETTER FUTURE finden sowohl digital als auch analog statt und sind ein „work in progress“. Das Programm wird laufend ergĂ€nzt und erweitert.

 

Hinweis: Die Zahl der TeilnehmerInnen ist entsprechend der geltenden Covid19-Auflagen limitiert. Alle Termine und Anmeldungen werden laufend aktualisiert.

PROGRAMMPUNKTE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FEIN, SO VIEL DESIGN!

Die Disco im Schaufenster, der Klappstuhl in der Ferienwohnung oder der High Heel Sneaker beim Optiker: „Design in the City“ zeigt außergewöhnliche Kollaborationen zwischen Designschaffenden und designaffinen Shopbesitzerinnen und -besitzern.

 

„Design in the City“ – das darf man ruhig wörtlich nehmen. Denn die ganze Innenstadt wird dabei zur Design-Plattform, und zwar in den zahlreichen Grazer Designshops. Ihr Angebot wird im Designmonat noch zusĂ€tzlich erweitert: PrĂ€sentiert werden außerordentliche Produkte, die alles andere als alltĂ€glich sind und weit ĂŒber das Gewöhnliche hinausgehen. „Design in the City“ macht diese Produkte sichtbar, aber natĂŒrlich auch die Kreativen, die dahinterstehen, und die Unternehmen, die sie vertreiben. Die Creative Industries Styria fungiert dabei als Vermittlerin und bringt interessierte Designerinnen/Designer und Shops zueinander, und zwar so, dass sie auch zusammenpassen. 5 davon stellen wir hier vor.

TANZEN, TROTZDEM!

„Disco“ sollte im Herbst 2020 bei Kastner & Öhler themengebend fĂŒr die Dekoration sein. BB Coyle, dort zustĂ€ndig fĂŒr den Bereich Dekoration und kuratierte Sortimente, hatte dabei das legendĂ€re Studio 54 im Kopf, die bunte Disco, die das New Yorker Leben der Siebziger- und Achtzigerjahre prĂ€gte wie kein anderer Nachtclub. Hedonistisch, laut, schrill, so war die Vorstellung BB Coyles im Herbst 2019, als sie das Thema plante. Dann kam Corona und das Leben wanderte inhouse. BB Coyles Idee: Warum nicht auch die Disco nach Hause holen?

Der Auftrag an die Designerin Milena Stavric vom Institut fĂŒr Architektur und Medien an der TU Graz war, fĂŒr die Schaufensterdekoration einen Schalensessel zu entwerfen, der an eine Discokugel erinnert und in seiner Form als RĂŒckzug zum Musikhören dienen soll. Dieser „Shell Chair“ sollte das HerzstĂŒck dieses pompös inszenierten Clubs der 1970er sein, inklusive der originalgetreuen Farb- und Formensprache der damaligen Zeit. Milena Stavric nahm dafĂŒr eine bestehende Idee auf, die sie nur umdrehen musste: Als perfekte Form fĂŒr den „Shell Chair“ schwebte ihr die Kuppel vor, die sie fĂŒr das Museum der Wahrnehmung entworfen hatte. Umgedreht wurde sozusagen ein Sessel daraus. Ihr Entwurf, den Ognen Jokic gefertigt hat, ist aus Holz und enorm schwer.

Vom „Shell Chair“ wurden vier Exemplare gefertigt, sie konnten im Vorjahr im Schaufenster des Stammhauses von Kastner & Öhler bewundert werden. Dort schufen BB Coyle und ihr Team durch VorhĂ€nge getrennte, rund-ovale SeparĂ©es, in denen die Modetrends gefeiert wurden. „Dass wir die Szenerie in den Innenraum, ins Wohnzimmer, verlegen mussten, hat der Inszenierung keinen Abbruch getan“, erzĂ€hlt BB Coyle. Im Gegenteil: Das den 1960ern und 1970ern entliehene Design und die Raumgestaltung passten treffsicher zur Lebenssituation des Jahres 2021. Runde Formen, wie sie damals en vogue waren, schaffen gestern wie heute Sicherheit, die verwendeten Braun- und Rottöne versprechen Geborgenheit und Kupfer fĂŒgt dem Ganzen einen Tupfen Glamour hinzu. Runde Teppiche und Wand- gemĂ€lde mit Wellenformen hĂ€tten die Inszenierung perfekt gemacht, schwĂ€rmt BB Coyle. „Ich wĂŒrde sagen, es ist ein elegantes Cocooning entstanden.“

Milena Stavric, die schon viele Forschungsprojekte im Bereich Nachhaltigkeit gefĂŒhrt und begleitet hat, war dieses Thema auch beim Shell Chair wichtig, dessen Grundmaterial Holz ist. Das ist ihr das liebste Arbeitsmaterial, und egal, ob ein Holzhaus oder Sessel daraus wird, die Formensprache kann da und dort dieselbe sein, betont Stavric. Diesen holistischen Ansatz verfolgt sie in ihrer Arbeit: Dort verschmelzen Design und Forschung miteinander. Milena Stavric forscht beispielsweise an und ĂŒber Algen, wie sie in der Architektur eingesetzt werden können. Ganzheitlich gestaltet sich fĂŒr sie auch der Schaffensprozess, wie die Arbeit am Shell Chair zeigt: Der ist so konzipiert, dass er relativ einfach auf einer computergesteuerten Maschine produziert werden kann, ohne Arbeitsteilung, vom Plan zur Fertigstellung in einem Arbeitsschritt. Eine Serienherstellung des Wabensessels ist bereits angedacht.

© elena egger | eephotograph
© elena egger | eephotograph

HANF UND DIE LIEBE ZUR NATUR

Auf dem Grieskindlmarkt im Dezember 2019 verbrachten sie fĂŒnf Wochenenden in derselben VerkaufshĂŒtte. Die eine, Tamara Lammer, Inhaberin von „wie wir wohnen“, und Franziska Voigt, Psychologin, Designerin und Inhaberin des Labels Mutus. Die eine verkauft WohngegenstĂ€nde mit Stil, die andere fertigt sie. Vornehmlich aus Hanfgarn, denn Franziska Voigt liebt diesen Werkstoff, ein Natur- material, das dicht nachwĂ€chst und ohne Herbizide auskommt, weil es unangenehm riecht, sodass kleine Tierchen gerne Abstand von der Pflanze nehmen. Hanf reichert den Boden mit Stickstoffen an und hat als Arbeitsmaterial etwas Maritimes, das ihr gut gefĂ€llt, sagt Voigt. Ihr zweites Arbeitsmaterial sind T-Shirts, die in Streifen geschnitten und zusammengeknĂŒpft sind. Ihre Technik ist das HĂ€keln, Franziska Voigt gibt damit GlĂ€sern oder Lampen eine UmhĂŒllung, sie verarbeitet ihr Material aber auch zu Taschen. Ihr Credo: Bei allem, was sie schafft, so wenig industrielle Produkte wie möglich zu verwenden, Wiederverwertung ist angesagt. Die GlĂ€ser und Vasen sind aus Ver- lassenschaften und KellerrĂ€umungen, sie umhĂ€kelt im großen Stil alte RexglĂ€ser, ihre grĂ¶ĂŸte Lampe im Sortiment ist eine mundgeblasene Gallone aus den 1950er-Jahren, die sie von einem Apfelbauern be- kommen hat, der mit den Auflagen anlĂ€sslich des EU-Beitrittes nicht mehr mithalten konnte und seinen Betrieb schließen musste. In allem, was Franziska Voigt tut, steht der Nachhaltigkeitsgedanke im Vordergrund.

Das schĂ€tzt Tamara Lammer so an Voigts Tun. Lammer fĂŒhrt am Tummelplatz den Concept Store und Onlineshop fĂŒr Design und Geschenke „wie wir wohnen“. Kurz nach dem Kennenlernen hat sie Franziska Voigts Lampen und GlĂ€ser ins Sortiment aufgenommen. Tamara Lammer legt großen Wert auf QualitĂ€t. „Wenn ich nach Hause komme, möchte ich es ruhig und gemĂŒtlich haben – mit natĂŒrlichen Produkten, hellem Holz, Leinen, ruhigen Farben. Es muss reduziert und aufgerĂ€umt sein. Franziskas Produkte passen deshalb gut zu mir.“ Gerade in Zeiten der Pandemie seien Design-Kooperationen wichtig, vor allem jetzt, wo die HauptabsatzmĂ€rkte – die vielen Messen und DesignmĂ€rkte – wegfielen, betonen beide Frauen.

© Hanna Fasching

EIN SCHUH, EIN HAUS, EIN DESIGNOBJEKT

Die Geschichte mit dem High Heel Sneaker ist so spannend wie Schuhe selbst (sagt die Frau, die das schreibt). Und wenn noch dazu eine Architektin einen Schuh entwirft, wird es aufregend. Die Architektin heißt Michaela Worschitz, eine sport- liche Frau, die gern und viel zu Fuß geht und einen Schuh braucht, der sie bequem durch den Tag trĂ€gt. Und den man gut mit einem eleganten Outfit kombinieren kann. Ein Sneaker mit Absatz also.

Die Idee dafĂŒr entstand in ihrem Architekturstudium und reifte im Auslandsaufenthalt in MĂŒnchen, ĂŒber den High Heel Sneaker schrieb Michaela Worschitz sogar ihre Diplomarbeit. In Graz machte sie sich an den Gestaltungsprozess. Mit der Software, mit der sie auch HĂ€user plant, designte sie ihren Schuh. Denn es gibt ihn, den gemeinsamen Nenner von Architektur und Schuhen: „Beide Objekte mĂŒssen der Statik entsprechen, Komfort bieten, vor Witterungs- einflĂŒssen schĂŒtzen und einer gewissen Ästhetik entsprechen“, betont Worschitz. Doch was auf dem Skript logisch und umsetzbar klang, zog in der Praxis einen langwierigen Forschungsprozess nach sich. Die große Herausforderung sei gewesen, die beiden wesent- lichen Anforderungen fĂŒr den Keilabsatz, StabilitĂ€t und FlexibilitĂ€t, in einem Material zu vereinen. Die Lösung wurde im Prinzip der Bienenwaben gefunden, die den Keilabsatz flexibel und trotzdem stabil machten. Die Sohle ist aus hochwertigem Kunststoff, das zu 20 Prozent recycelt ist, die OberflĂ€che ist aus thermogeformtem Neopren, das Innenmaterial ist natĂŒrlich gegerbtes Leder. Auch hier die thematische NĂ€he zur Architektur: diese Materialkombination reagiert wie eine doppelt hinterlĂŒftete Fassade im GebĂ€udebau.

Der Weg bis zum fertigen Schuh dauerte dann doch drei Jahre. Stets an Worschitzs Seite war Ehemann JĂŒrgen Holl, mit dem sie die Monkie Mia Design OG gegrĂŒndet hat. Zu zweit erledigten sie die Marktrecherche, beantragten Förderungen, forschten am perfekten Keilabsatz, sie suchten und fanden in Italien einen Schuhprodu- zenten, der bereits die erste „Auflage“ von 500 Schuhpaaren produziert hat. Durch Zufall habe man das Unternehmen entdeckt, das genauso leidenschaftlich wie man selbst an die Aufgabe heran- gegangen sei, schwĂ€rmt Michaela Worschitz. Der Schuhmacher, ein 75-jĂ€hriger Mann, sei sogar zu Weihnachten im Unternehmen gewesen, um das Werkzeug fĂŒr die Schuhproduktion zu optimieren. Ja, sie könnten auch in China produzieren lassen, betont Worschitz, doch setze man lieber auf Nachhaltigkeit, Produktion in Europa, qualitĂ€tsvolles Material und kurze Transportwege. Im Vorjahr kam der High Heel Sneaker auf den Markt, als NĂ€chstes möchte man die Frauen in Asien fĂŒr den Schuh begeistern. Michaela Worschitz ist es noch immer. Sie hat den „HĂ€rtetest“ selbst gemacht und den Sneaker 16 Stunden am StĂŒck getragen. Ohne Probleme.

WĂ€hrend des Designmonat Graz wird der Schuh in der Auslage von In-Optik am Kaiser-Josef-Platz 5 zu sehen sein. Der Optiker Wilfried Fauland unterstĂŒtzt schon seit Jahren die Designkooperation der Creative Industries Styria. „Wir wollen demonstrieren, welch groß- artiges Design in der Stadt Graz entsteht“, sagt Fauland. Im vor- letzten Jahr waren es Möbel-Prototypen der TU Graz, heuer zeigen wir den High Heel Sneaker von Mockery Mia.“

© elena egger | eephotograph

HÄNG LUIS UND OFFLINE RETAIL AUF EINER WELLE

Gute Ideen entstehen oft bei einem Bier oder zwei. Wenn dann noch Sonne, Strand und Surflaune dazukommen, ist die Sache geritzt. Das war bei Michael Diekers so, als er bei seinem Surfurlaub auf Bali mit Freunden sinnierte, womit man seinen Lebensunterhalt bestreiten könne. Cool wĂ€re, wenn es irgendwas mit Skateboards oder mit Mode zu tun hĂ€tte. Noch bevor es eine Ware oder Dienstleistung gab, die man verkaufen könnte, stand der Markenname fest. Aus dem Surferspruch „hang loose“ fĂŒr „gute Welle“ wurde HĂ€ng Luis, das Logo war ein Vogel in Strichzeichnung auf einem Board.

Doch was verkaufen? Michael Diekers dachte zunĂ€chst darĂŒber nach, was er, der passionierte Surfer und Skater, sich gewĂŒnscht hĂ€tte, mit 12 oder 13 Jahren. Leistbar und cool mĂŒsse es sein, in diesem Alter hat man ja weder Geld fĂŒr coole Decks noch fĂŒr die meist ĂŒberteuerte Skatermode. Wobei Michael Diekers fĂŒr sich ausschloss, ein neues Skaterlabel auf die Beine zu stellen, denn Mode werde schon genug – zu viel – produziert. Warum nicht Vintage? Auf der Suche nach lĂ€ssiger, gebrauchter Kleidung schloss er sich mit der Caritas kurz. Auf ausgewĂ€hlte StĂŒcke, die in Sachen Coolness zu seiner anvisierten Zielgruppe passten, wollte er das HĂ€ng-Luis-Logo anbringen lassen, die feine Stickarbeit hat die Stickerei Rappi erledigt. Der HĂ€ng-Luis-Schriftzug wird vom tag.werk mit Siebdruck-Technik auf Planen gedruckt und anschließend als Etiketten vernĂ€ht. tag.werk ist ein Schwestern-Projekt von Offline Retail, einem Second-Hand- Laden in der Mariahilferstraße 19, tag.werk und Offline Retail wiederum gehören zur Caritas. Bei Offline Retail wurde man auf HĂ€ng Luis aufmerksam, Shopleiterin Ruth Nezmahen nahm mit Diekers Kontakt auf und beschloss, dass dessen Label und die gemeinsame Vintage-Idee perfekt zur Offline-Philosophie passten. Die Kooperation war somit gebongt.

An sich wollte Michael Diekers auch Second-Hand-Boards ver- kaufen, verwarf die Idee jedoch, weil Boards in der Regel „zu Tode“ gefahren wĂŒrden. Doch man könne neue aus Holzresten herstellen, dachte er. Diekers kontaktierte 75 Holzverarbeiter, bekam aber nur drei RĂŒckmeldungen. Letztlich meldete sich das Furnierwerk Merkscha in Gratwein und bot Furniere an. Damit machte sich Diekers an die Arbeit. Er suchte die optimale Lösung, um so einfach und gut wie nur möglich Boards zu pressen. UnterstĂŒtzung und RatschlĂ€ge holte er sich bei einem Hersteller in Kufstein. Heute stellt Diekers zwei verschiedene Shapes her, die nach Wunsch mit insgesamt sieben verschiedenen Designs beklebt werden können. Diese stammen von den KĂŒnstlerinnen Laura Feller und Jana Dremel. Die Boards, die Vintage-Mode und HĂ€ng-Luis-Hauben sind bei Offline Retail erhĂ€ltlich, sie werden dort auf Kommissionsbasis verkauft. AnlĂ€sslich des Stadtteilfests Lendwirbel soll es auch ein gemeinsames Skater-Event geben, weitere Events können gern folgen, sagt Ruth Nezmahen.

© Christoph Schober

KLIPP, KLAPP – CAPTAIN CLAP!

Simone Kovac ist bekannt fĂŒr ihre Kompromisslosigkeit, was Design und Ästhetik betrifft. Kompromisslosigkeit in dieser Geschichte bedeutet auch: Es gibt einen Job, der erfĂŒllt werden muss, und zwar bestmöglich. Ein Ferien-Appartement in Bad Mitterndorf sollte umgestaltet werden, nicht sehr groß, doch Platz bietend fĂŒr eine fĂŒnfköpfige Familie – oder nur fĂŒr zwei, sollten die Eltern mal Zeit fĂŒr sich haben wollen. Das Bild, das sich bei der ersten Besichtigung bot: ein Wohn- und Esszimmer, ein Schlaf- zimmer, eine kleine KĂŒche und ein ebenso kleines Bad, das Ganze um- und eingerahmt von Interieurschick der 1960er-Jahre mit (zu) vielen Sitzgelegenheiten. Simone Kovacs Idee: Raus damit, was neu hineinkommt, soll Platz und Geltung bekommen.

Rational ging sie an die Lösung und ĂŒberlegte, was eine Ferien- wohnung funktionell macht und worauf man verzichten könnte. Wenn nur zwei Personen urlauben, brauche es keine sechs Sessel, die den Raum verstellten, dachte sie. Man könne stattdessen auf Klappsessel setzen, die – Ă€sthetisch ansprechend gestaltet – an der Wand aufgehĂ€ngt werden können. In ihrem Kopf war die Idee von Captain Clap geboren. Mit der Umsetzung beauftragte sie Lukas Klingsbichel von Mobelplan, mit Jelena Ristic eine KĂŒnstlerin, die den Klappsessel entsprechend als Kunstwerk in Szene setzen sollte. Die grĂ¶ĂŸte Herausforderung wartete dabei auf Lukas Klingsbichel, der die bislang gewohnten AusfĂŒhrungen von Klappsessel anders denken musste, und zwar in der Form, dass er nach dem Zusammen- legen eine einzige gerade FlĂ€che aufwies. Solche Lösungen sind zwar vorhanden, unterliegen aber dem so genannten Geschmacksmuster- schutz, durften also nicht kopiert werden. Captain Clap entstand letztlich in einem aufwĂ€ndigen Design-Prozess aus einer Sperrholz- Multiplex-Platte. Doch damit nicht genug der Herausforderung. Denn nicht nur FunktionalitĂ€t und Design mĂŒssen passen, der Klappsessel will ja auch noch bequem sein. Auch diese Quadratur des Kreises hat Produktdesigner Lukas Klingsbichel geschafft.

Das kĂŒnstlerische Design stammt von Jelena Ristic. Sie ist der gestalterische Kopf hinter dem Label Of Atoms and Lines und hat ihre einzigartige kĂŒnstlerische Handschrift in Linien und grafischen Formen gefunden. Damit verzierte sie bereits einige BĂŒrorĂ€ume und WĂ€nde, die Kontemplation bringen sollen. Mit der Farbe Blau, die in der Bad Mitterndorfer Ferienwohnung tonangebend ist, hat sie auch Captain Clap veredelt, und zwar so, wie es sich die Auftraggeberin Simone Kovac vorgestellt hat. Diese wiederum hĂ€tte dem sitzfĂ€higen Kunstwerk gern noch ein „Flauschi-Element“ verpasst, das den Gebrauchsgegenstand stĂ€rker als Kunstobjekt definiert hĂ€tte. Doch das ist zunĂ€chst nur eine Idee. Fertig hingegen ist die Tapete, die das Gestalterduo Kovac – Ristic gemeinsam entworfen haben. Sie be- steht aus sechs Teilen, die beliebig miteinander kombiniert werden können.

Kovac, Klingsbichel und Ristic, die sich 2019 bei der Designmonateröffnung kennengelernt haben, freuen sich, in nur zwei Jahren – streng genommen abzĂŒglich eines Coronajahres, das die Zusammenarbeit stark einschrĂ€nkte – nun im Kunsthaus Shop ihr gemeinsames Produkt vorstellen zu dĂŒrfen. Die drei planen eine zukĂŒnftige Serienfertigung des Produkts, und das in der Region.

© elena egger | eephotograph
Kulturkritik in Bildern
© Kasumasa Nagai

Illya Pavlov lehrt an der FH Joanneum Kommunikationsdesign und bringt die legendÀre Posterschau 4th Block aus seiner Heimat Ukraine nach Graz.

 

Charkiw, das ist die zweitgrĂ¶ĂŸte Stadt der Ukraine, kurz vor der Grenze zu Russland. Sie hat 1,5 Millionen Einwohner, 42 UniversitĂ€ten und Hochschulen sowie ein Posterfestival. Was das mit Graz zu tun hat? Eine der treibenden KrĂ€fte hinter dem Kollektiv 4th Block, das fĂŒr das Posterfestival verantwortlich zeichnet, ist Illya Pavlov. Er ist derzeit Senior Dozent an der FH Joanneum und bringt im Rahmen des Designmonats die Posterschau von 2020 nach Graz. Es war die elfte Poster-Triennale von 4th Block mit dem Titel „Changes“, die in Kiew und Tschernobyl gezeigt wurde.

Grafikerinnen und Grafiker auf der ganzen Welt waren aufgerufen, ĂŒber die Sprache von Bildern auf ökologische, soziale und kulturelle Probleme hinzuweisen, also ĂŒber Design einen neuen wie kritischen Blick auf die Welt zu werfen. Die Thematik der letzten Triennale lag auf der Hand: 35 Jahre Tschernobyl, zehn Jahre Fukushima, dann das Corona Virus. Die Aufgabenstellung der KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler war, sich Gedanken zu machen ĂŒber die Welt, in der wir leben – eine Welt des permanenten Fortschritts, inklusive seiner positiven und negativen Folgen. Die Kreativen sollten VerĂ€nderungen verstehen und analysieren versuchen und nach einem Ausdruck suchen, wie die Utopie eines besseren Lebens Wirklichkeit werden könnte.

4th Block gibt es seit 2003, damals zeigten Designer aus 28 verschiedenen LĂ€ndern 800 Arbeiten, die sich allesamt mit Ökologie befassten. FĂŒr Pavlov, der mit seiner Partnerin Maria Norzyan die Design- und Branding-Beratung Grafprom Studio betreibt, bietet sich das Plakat als optimales Mittel dafĂŒr an –, auch wenn die marktschreierische Medienwelt immer mehr und neue Aufmerksamkeit erfordert. Hier liegt dann die hohe Kunst der Plakatgestaltung darin, die heterogenere EmpfĂ€ngergruppe einzufangen: manches Mal wird ein ZuflĂŒstern genĂŒgen, ein anderes Mal wird man eben schreien mĂŒssen, sagt Pavlov.

Das Posterfestival auch den Zweck, die Branche auf lokaler und internationaler Ebene zu vernetzen und ein bisschen auch das Leben, wie es ist, zu feiern. Wir haben schließlich kein anderes. Das gilt natĂŒrlich auch fĂŒr Graz. Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus der Postersammlung, die unter anderem bereits in den USA, in Österreich, in Frankreich, in Polen, in der Schweiz und in Italien zu sehen war. Die Kollektion umfasst insgesamt ĂŒber 7.000 Poster aus 40 unterschiedlichen LĂ€ndern.

 

Text: Daniela MĂŒller

Nachhaltiges DenkgebÀude

Eine Besprechung in der BerghĂŒtte am See und dann mit dem Orient Express ins Fitnessstudio: Der neue Merkur Campus ist eine Unternehmenszentrale, die keine sein möchte. Sein neues Interior Design ist eine Absage an allzu mainstreamigen Corporate-Stil und schafft stattdessen ein Gesamtkunstwerk aus Nachhaltigkeit, ModernitĂ€t und echtem WohlfĂŒhlbĂŒro. Wie das Designkonzept der SelfSightSeeing Company im Detail funktioniert, lĂ€sst sich bei der Ausstellung „SUREAL – Sustainable Responsive Art Lab“ bis 29. Mai im designforum Steiermark erleben.

 

Es soll ja nicht nach einer Versicherung aussehen: So lautete die Kurzfassung des Briefings fĂŒr das Interior Design der neuen Unternehmenszentrale der Merkur Versicherung an Itshe Petz und Io Tondolo, genannt „SelfSightSeeing Company“. „Wir wollen mit unserem Konzept in ein Abenteuer einladen“, erklĂ€rt Io Tondolo die Idee hinter dem neuen Merkur Campus. „Das GebĂ€ude sollte ein Erlebnisraum werden, mit Installationen, ThemenrĂ€umen und Details, die es zu entdecken gibt.“ Erste EntwĂŒrfe fĂŒr die Neugestaltung der 10.000 Quadratmeter NutzflĂ€che entstanden 2017. Wer in den folgenden drei Jahren den Fortschritt via Webcam beobachtete, merkte schnell, dass diese Unternehmenszentrale anders als der Mainstream werden wĂŒrde. Alle OberflĂ€chen, Möbel, Lampen, insgesamt elf BĂŒroetagen, die Eingangshalle, das Kundenzentrum und sogar ein Fitnessstudio haben die einzigartige Handschrift der SelfSightSeeing Company bekommen: außergewöhnliche Materialien, Upcycling-Objekte, Foto-Collagen als Tapeten, Meeting-RĂ€ume im Stil des Orient Express oder einer BerghĂŒtte am See. Das zentrale Kunstwerk, das „Merkur MolekĂŒl“, zieht sich an den WĂ€nden als Flieseninstallation entlang, eine Skulptur des Merkur, des römischen Gottes des Handels und Namensgeber des Unternehmens, steht ebenfalls im Foyer. „Heute ist das ungewöhnlich, dass KĂŒnstler und Designer ganze GebĂ€ude gestalten – frĂŒher war das normal. WĂ€nde wurden bemalt, Skulpturen hingestellt.“ Damit steht der neue Merkur Campus gleich in mehrfacher Hinsicht fĂŒr ModernitĂ€t aus Tradition.

 

Sustainable Design: bis ins letzte Detail nachhaltig

Modern heißt auch klimafreundlich: Nachhaltigkeit bei der GebĂ€udetechnik ist heute Standard. So kommt auch der Merkur Campus nicht ohne LED-Beleuchtung, EnergierĂŒckspeisung, Sonnenschutz und natĂŒrliche BelĂŒftung aus. Aber auch im Innenraum setzte die SelfSightSeeing Company dezidiert darauf, Vorhandenes wiederzuwenden und auf originelle Weise Ressourcen zu sparen: Historische TĂŒren und Teile der alten BĂŒroeinrichtung aus dem ehemaligen HauptgebĂ€ude am Joanneumring wurden zu neuen EinrichtungsgegenstĂ€nden upgecycelt, die Teppiche bestehen aus Recycling-Material und 550 alte Flugzeugboxen der Air Berlin ersetzen ĂŒbliche BĂŒrocontainer. „Typisch fĂŒr unsere Projekte ist, dass wir vorhandene Materialien aufnehmen und sie transformieren und neu kombinieren. So geben wir ihnen eine neue Bedeutung“, berichtet Itshe Petz. So legten die Designer bei den TĂŒren alte Farbschichten frei und spielen so subtil auf die lange Geschichte des Unternehmens an, die immerhin bis ins Jahr 1798 zurĂŒckreicht. An den Anfang soll der „GrĂŒnderbrunnen“ erinnern, der im Foyer als Wasserspender dient und als Symbol fĂŒr den Ursprung fĂŒr Gesundheit und Leben steht. Die Vision des Auftraggebers, eine „Vorsicherung“ zu sein, spiegelt sich ebenfalls im Design der SelfSightSeeing Company wider: Im Fitnessstudio ist jeder Raum einer Sportart gewidmet. „Inspiration war die Geschichte des Sports“, erzĂ€hlt Io Tondolo. „Die Merkur steht seit ihrer GrĂŒndung als Versicherung fĂŒr Industriearbeiter fĂŒr gesunden Lebensstil und Sportlichkeit, und das soll das Design auch zeigen.“

 

Responsive Design: Die Belegschaft redet ein Wörtchen mit

Aber was sagen eigentlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu, wenn sie auf einmal in einem so außergewöhnlichen Arbeitsumfeld wiederfinden? Itshe Petz und Io Tondolo waren sich bewusst, dass gewagte und mutige Gestaltung eines Arbeitsplatzes FingerspitzengefĂŒhl braucht. „Wenn da einfach zwei KĂŒnstler daherkommen und irgendetwas Komisches hinbauen, wĂ€re die Akzeptanz nicht besonders groß gewesen“, sagt Petz. „Deswegen haben wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Merkur von Anfang an den Designprozess eingebunden.“ In ihrem Atelier fanden regelmĂ€ĂŸige Workshops statt, bei denen sich das Designerduo Ideen, Inspirationen und Feedback von der Merkur-Belegschaft holte. „Wir wollen WohlfĂŒhlrĂ€ume schaffen. Wir wollen, dass die Menschen, die hier arbeiten, aus ihren BĂŒros hinausgehen und in eine andere Welt eintauchen.“ Wie diese Welt aussehen sollte, das bestimmten die Mitarbeiter selbst mit – und sie verewigten sich sogar in den WĂ€nden: Das „Merkur-MolekĂŒl“, die Flieseninstallation, die sich durch das gesamte GebĂ€ude fortpflanzt, besteht aus historischen Bodenfliesen der Wiener Kapuzinerkirche. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Merkur haben sie rĂŒckseitig beschriftet und mit individuellen WĂŒnschen und SprĂŒchen versehen. „Der Erfolg eines Unternehmens sind immer die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt“, betont auch Christian Kladiva vom Merkur-Vorstand. „So wie ein MolekĂŒl aus mehreren Teilchen besteht, sind auch unserer Mitarbeiter ein Teil der Merkur“, so Kladiva.

 

Itshe und Io: Designerduo im kreativen Gleichklang

Itshe Petz und Io Tondolo, die hinter der „SelfSightSeeing Company“ stecken, sehen ihre Arbeit angesiedelt an der Grenze zwischen bildender und performativer Kunst sowie Design. „Wir gestalten Orte, die zu Erlebnissen werden. Das, was in den Menschen geschehen soll, nennen wir ‚self sight seeing‘ – wenn der Ă€ußere Raum auf das Innere wirkt“, erklĂ€ren Itshe und Io. Eine originelle Wirkung erzeugen die beiden Designer sogar selbst: Sie sind jeden Tag gleich gekleidet. „Wir wollen, dass die Leute sehen, dass wir eine Verbindung haben, dass wir gemeinsam durchs Leben gehen und arbeiten.“ Abwechselnd wird entschieden, was am jeweiligen Tag angezogen wird – die Kleidung bewahren sie in zwei gespiegelten, exakt gleich einsortierten SchrĂ€nken auf.

 

Text: Susanne Ary

Parklets – das Material

Accoya heißt das Material, aus dem die Parklets entstehen. Dabei handelt es sich um die Kiefernart Pinus Radiata, ein schnellwachsender Baum aus Neuseeland, der durch ein besonderes DruckimprĂ€gnierungsverfahren die höchste Haltbarkeitsklasse erreicht und sich fĂŒr Anwendung im Außenbereich eignet. Details zum Holz verrĂ€t Peter Szapacs vom Holzhandelsunternehmen Hechenblaickner.

 

Herr Szapacs, man hĂ€tte auch sagen können: Nehmen wir doch heimische LĂ€rche fĂŒr die Parklets.
Klar hĂ€tte man das. Sie stehen möglicherweise nur einen Monat und mĂŒssen das Kriterium Dauerhaftigkeit nicht erfĂŒllen. Nachhaltiges Bauen bedeutet aber auch, genau zu ĂŒberlegen, welches Holz fĂŒr welchen Einsatz geeignet ist. Und hier schneidet Accoya am besten ab. In den Niederlanden gab es zwei Versuche an einer Kanalauskleidung, das acetylierte Holz zeigte nach 15 bzw. 20 Jahren im Vergleich zum unbehandelten keine Anzeichen von Verrottung und keine Erscheinungen von Zerfall oder SchĂ€den durch holzzerstörende Pilze. Nicht umsonst gibt es fĂŒr Accoya-Holz eine Garantiezeit von 25 Jahren bzw. ohne direktem Wasserkontakt und außerhalb von BodennĂ€he von 50 Jahren – bei einer LĂ€rche (bodennah verbaut, Anm.) sind es im Schnitt nur fĂŒnf bis zehn Jahre. Gerade im Außenbereich macht es einen Unterschied, ob Holz zehn oder 30 Jahre hĂ€lt. Accoya ist FSCÂź- und Cradle to Cradle mit Gold zertifiedℱ und das einzige Baumaterial der Welt, das die C2C Platin-Zertifizierung fĂŒr Materialgesundheit erreicht. Wenn wir ĂŒber Nachhaltigkeit reden, mĂŒssen wir auch Aspekte wie diese einfließen lassen und nicht nur auf den kĂŒrzesten Transportweg achten.

 

Was genau ist Accoya?
Accoya ist zunĂ€chst der Markenname, dahinter steckt die Pinus Radiata, die mit EssigsĂ€ure, also einem Naturprodukt, chemisch modifiziert ist. An dieser Art der Modifizierung von Holz wurde schon vor hundert Jahren experimentiert, in den 1970er-Jahren hat man das Acetylierungsverfahren entwickelt, bei dem ĂŒber dem Prinzip der DruckimprĂ€gnierung das Holz bestĂ€ndig gemacht wurde. Nur eben nicht mit den giftigen Chemikalien von frĂŒher, sondern mit EssigsĂ€ureanhydrid, dessen Nebenprodukt, die EssigsĂ€ure, durch Destillation gereinigt und wiederverwendet werden kann. Die Pinus Radiata stammt ursprĂŒnlich aus der Monterey-Bucht in Kalifornien und wird heute auf rund sechs Millionen Hektar weltweit angebaut, es ist ein typischer Baum, der in der nachhaltigen Waldwirtschaft eingesetzt wird.

 

WĂŒrde der Baum auch in Österreich wachsen?
Das wurde noch nicht versucht. Fakt ist, dass auch wir uns klimawandelbedingt nach Alternativen umsehen mĂŒssen. Unsere Fichte konnte ja auch nur zum „Brotbaum“ der heimischen Holzwirtschaft werden, weil man schon sehr frĂŒh in Österreichs Waldwirtschaft nachhaltig dachte. Die Fichte war zunĂ€chst die einzige Ressource fĂŒr Feuer- und Heizmittel, um sie zu erhalten, wurde sie im Rahmen einer Wiederaufforstung vor etwa 200 Jahren großflĂ€chig und in gleichaltrigen BestĂ€nden angesetzt. SpĂ€ter wurde dem Wald Nutzholz auch fĂŒr bauliche Zwecke entnommen. WĂ€hrend außerhalb Europas eher auf Kiefernarten zurĂŒckgegriffen wird, können wir bis heute sehr gut von der Fichte leben. Diesen Nachhaltigkeitsgedanken gilt es, nicht abreißen zu lassen.

 

FĂŒr diese spezielle DruckimprĂ€gnierung des Holzes gibt es nur ein Werk, das ist in den Niederlanden. Warum macht man das nicht mit der Fichte in Österreich?
Es wurde versucht, doch Fichte ist dafĂŒr zu astig. Funktionieren wĂŒrde es jedoch mit der Erle, der Pappel oder der Buche. Doch dann hat man das Problem, dass fĂŒr einen metalokalen Markt nicht genĂŒgend Menge vorhanden wĂ€re. Bislang war die Nachfrage nach acetyliertem Holz eher gering, zuletzt hat man sich, was strapazierfĂ€higes Holz im Außenbereich betrifft, eher an Tropenhölzer gehalten. Doch es findet bereits ein Umdenken statt.

 

Wo ist Accoya bei uns im Einsatz?
Die pinke Fassade der Martin-Auer-Filiale am Kaiser-Josef-Platz ist aus Accoya sowie die begehbaren HolzflĂ€chen wie auch die LiegeflĂ€chen des „Lebensraums Mur“ bei der Seifenfabrik. Weil das Holz so bestĂ€ndig ist, schiefert es auch nicht. Optimal also fĂŒr Decks und Plattformen in Parks oder dort, wo Kinder spielen und man barfuß die eigene Terrasse begehen möchte. Accoya ist auch wartungsĂ€rmer bei deckenden OberflĂ€chenbeschichtungen, eine Nachbehandlung sollte nur alle sieben bis zehn statt drei bis vier Jahre erfolgen.

© Augenblick/Kreuzweger
Peter Szapacs ist Vertriebsleiter des Holzhandelsunternehmens Hechenblaickner.
Design in the City
© Miriam Raneburger

Design in the City ist ein Format im Designmonat Graz, das Menschen die Möglichkeit bietet, Design abseits von Ausstellungen und Workshops zu erleben. Unternehmen und DesignerInnen prĂ€sentieren dabei außergewöhnliche Produkte, einzigartige Kollektionen, herausragende Kreationen und jede Menge Information darĂŒber, welche Rolle Design in ihrem Betrieb spielt. Das alles geschieht dort, wo das Thema Design mit Leidenschaft gelebt wird: in den Shops und Unternehmen der Stadt. Design wird sichtbar – neue und aktuelle Designprodukte werden einem breiten Publikum prĂ€sentiert.

30 designaffine Shops geben wÀhrend dem Designmonat 2021 Designerinnen und Designern eine Plattform, um ihre einzigartigen Produkte zu prÀsentieren. Bei speziellen Touren mit den GrazGuides gilt es, die Vielfalt von Design in der Stadt zu entdecken.

Eine Übersicht ĂŒber die angebotenen Touren finden Sie hier oder ĂŒber die Filtermöglichkeiten im Programm.

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Theresa Freydl
Creative Industries Styria
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„Leben ohne Plastik? Unmöglich!“

Als Kuratorin fĂŒr Design-Projekte in der niederlĂ€ndischen Botschaft in Moskau bemerkte Alexandra Sankova, dass es in Russland keine Institution gab, die sich mit Design auseinandersetzte. Daher grĂŒndete sie im Jahr 2012 das Moskauer Design Museum, das auch Ausgangspunkt der Ausstellung „Fantastic Plastic“ ist.

 

Frau Sankova, Ihre Ausstellung „Fantastic Plastic“ prĂ€sentiert Designobjekte, die aus recyceltem Plastik hergestellt wurden. Wie kamen Sie auf die Idee, eine Ausstellung ĂŒber Plastik zu machen?

Bevor ich das Moskauer Designmuseum im Jahr 2012 eröffnet habe, habe ich in der niederlÀndischen Botschaft in Moskau als Designexpertin gearbeitet. Auf meinen Reisen in die Niederlande und in andere LÀnder habe ich viele Ausstellungen, Workshops und VortrÀge zum Thema Plastikrecycling besucht. Im YKSI Eindhoven gibt es zum Beispiel eine dauerhafte Ausstellung von Produkten aus recyceltem Plastik.

2017 startete in Russland eine staatliche Plastikrecycling-Initiative. Vorher haben wir Plastikabfall nicht vom restlichen MĂŒll getrennt. Unser Projekt kam dann genau zum richtigen Zeitpunkt. 2018 haben wir fĂŒr unsere Ausstellung eine Förderung vom Plastikhersteller SIBUR Holding erhalten, der gerade erst eine Nachhaltigkeitsinitiative innerhalb seiner Firma gestartet hatte. Damals haben nur sehr wenige russische Designer mit recyceltem Plastik gearbeitet, aber in den letzten 3 Jahren starteten immer mehr neue Projekte, was uns zu hoffen gibt, dass Designer in der Zukunft eine große Rolle in der VerĂ€nderung unseres Recyclingverhaltens spielen werden.

So ein Projekt wie unseres hat es vorher in Russland nicht gegeben. Überhaupt gab es im Bereich der Design-Ausstellungen eigentlich gar keine Initiativen in diese Richtung. Wir waren die ersten, die ein Ausstellungsprogramm mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit entwickelten. Wir wollten die besten internationalen Beispiele von wiederverwendetem Plastik nach Russland bringen, um die russischen Designer dazu zu inspirieren, mit diesem „neuen“ Material zu arbeiten.

Wir kuratieren die Ausstellung gemeinsam mit Olga Druzhinina. Vor der Eröffnung haben wir ausgiebig ĂŒber Plastikrecycling recherchiert und auch in den 2 Jahren, in denen die „Fantastic Plastic“-Ausstellung in verschiedenen Regionen gezeigt wurde, haben wir unsere Recherche fortgefĂŒhrt. Es ist also ein kontinuierliches Forschen. Und als großen Abschluss haben wir dann die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Tretjakow-Galerie ins Moskauer Designmuseum gebracht, dem Hauptmuseum fĂŒr russische Kunst. Die Ausstellung in der Tretjakow-Galerie kann bis zum 30.5.2021 besucht werden.

 

In Europa weisen immer mehr Stimmen darauf hin, dass wir weniger Plastik verwenden und stattdessen auf alternative Materialien umsteigen und etwa StoffsĂ€cke satt PlastiksĂ€cke oder Aluminium- statt Plastikflaschen verwenden sollten. Es wirkt schon fast wie eine Art Anti-Plastik-Bewegung. Warum haben Sie sich dennoch fĂŒr den recht provokanten Titel „Fantastic Plastic“ entschieden? Was ist – ungeachtet der negativen Auswirkungen auf die Umwelt – so „fantastisch“ an Plastik?

In den 1960er Jahren war Plastik ein soziales Material, jeder konnte gĂŒnstige Plastik-Produkte erwerben, egal ob Spielzeug, Möbel oder KĂŒchengerĂ€te. Heutzutage ist Plastik wirklich ein Weltproblem. Aber das Problem ist eigentlich nicht das Plastik selbst, sondern die Tatsache, dass wir Plastik jahrelang nicht recycelt haben und auch heute noch immer nur ein geringer Anteil recycelt wird. Wir sollten zu dem Punkt gelangen, an dem wir 100 % des Plastiks wiederverwenden und gleichzeitig alternative Materialien wie Bioplastik einsetzen.

Über die Gefahren von Plastikabfall wurde schon viel geschrieben und gesagt, es ist aber essenziell, den Blick jetzt auch auf die einzigartigen und vorteilhaften QualitĂ€ten von Plastik zu richten. Leben ohne Plastik ist unmöglich: Möbel fĂŒr Schulen, Bibliotheken oder öffentliche PlĂ€tze, medizinische GerĂ€te und vieles mehr besteht aus Plastik. Aber wir verwenden Plastik hĂ€ufig nur ein paar Minuten, obwohl es eigentlich jahrhundertelang verwendet werden könnte. Plastik hat einen langen Lebenszyklus und kann fast unendlich oft recycelt werden. Es kann die Struktur jedes Materials nachahmen und ist dabei auch noch ein gĂŒnstiges Rohmaterial, das einfach zu recyceln ist und fĂŒr fast alles eingesetzt werden kann – von Kleidung bis zu Baumaterialien. Wenn jeder – von Regierungsinstitutionen bis hin zu kleinen privaten Designinitiativen – sich am Recyclingprozess beteiligt, können wir das Problem nach und nach beheben.

 

Manche UmweltschĂŒtzer könnten befĂŒrchten, dass die Ausstellung den Menschen suggerieren könnte, dass wir so viel Plastik verwenden können, wie wir möchten – „gib es einfach in die richtige MĂŒlltonne und das war’s“ –, anstatt sich zu bemĂŒhen, auf alternative Materialen umzusteigen. Was sagen Sie zu solchen BefĂŒrchtungen?

Im Grunde genommen sollten tĂ€gliche AblĂ€ufe wie das Kaufen von abgepackten Lebensmitteln so konzipiert sein, dass der KĂ€ufer letztendlich den Abfall einfach in die richtige Tonne wirft. Hier braucht es Design Thinking, sodass der Konsument alles automatisch richtig macht. Gleichzeitig sollte natĂŒrlich jeder so viel Umweltbewusstsein haben wie nur möglich. Jeder Einzelne von uns ist fĂŒr unseren Planeten und unser Ökosystem verantwortlich, aber wir können natĂŒrlich nicht garantieren, dass alle Ausstellungsbesucher unsere Message eindeutig so begreifen wie von uns vorgesehen. Wir tun, was wir können, und wir hoffen, dass unsere Besucher ihre Einstellung zu recyceltem Plastik Ă€ndern und verstehen, dass es nicht schĂ€dlich ist und sie keine Angst davor haben zu brauchen. Die Ausstellung soll zeigen, dass recyceltes Plastik als Material wichtig fĂŒr die Umwelt und unsere Gesellschaft ist und praktisch in der Produktion. Wir wollen die immer noch bestehenden Stereotypen darĂŒber, dass recyceltes Plastik von minderer QualitĂ€t ist, ein fĂŒr alle Mal beseitigen.

Wir können natĂŒrlich Ausstellungen ĂŒber verschiedene Aspekte von Ökologie und ökologischem Design machen. Und auf unseren gefĂŒhrten Touren und in den Katalogen und BroschĂŒren, die Teil unseres Bildungsprogrammes sind, erklĂ€ren wir auch, was Umweltdesign generell ist und warum wir Einmalplastik meiden und stattdessen wiederverwendbares Geschirr und Stoffbeutel fĂŒr unsere Lebensmittel verwenden sollten. Aber diese Ausstellung zielt hauptsĂ€chlich darauf ab, Produkte aus und Projekte mit recyceltem Plastik zu zeigen und auf dieses vielversprechende Material aufmerksam zu machen.

 

Lassen Sie uns nun etwas ĂŒber Russland sprechen: Wie wichtig sind Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Recycling in Russland? Spielen diese Themen eine große Rolle im tĂ€glichen Leben der Russen und Russinnen? Sind sie sich ĂŒber die Bedeutung dieser Themen bewusst?

In der Sowjetunion hat jeder Papier und Glas recycelt, Dinge wurden das ganze Leben lang verwendet (weil neue einfach nicht verfĂŒgbar waren). Mein Vater hat zum Beispiel immer Bioabfall vom Rest getrennt, er hat Plastikbecher ausgewaschen und immer einen Stoffsack in seiner Hosentasche mitgetragen. Nachhaltigkeit war fĂŒr die sowjetische Bevölkerung selbstverstĂ€ndlich. Das hat auch auf Landesebene funktioniert, weil es strenge Regeln gab.

Als dann immer mehr Produkte verfĂŒgbar wurden, sind erstmal alle in Konsumfreude verfallen, aber nach einiger Zeit sind wir wieder zu denselben Werten zurĂŒckgekehrt, nur mit einer anderen Ideologie. Die Jugend von heute sammelt, trennt und recycelt Abfall und sucht Orte, wo Batterien, Fiebermesser und so weiter abgegeben werden können.

Es ist großartig, dass das Bewusstsein unter den Jungen so stark zunimmt. Wir freuen uns sehr, dass viele junge Menschen aus den verschiedensten Regionen Russlands zur Ausstellung kommen und an unserem Online-Bildungsprogramm teilnehmen. Wir bemerken außerdem, dass jetzt, wo unser Projekt lĂ€uft, in Russland immer mehr neue Projekte, die mit recyceltem Plastik zu tun haben, entstehen.

 

Wie sieht es mit der russischen Politik aus? Sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit Teil der politischen Agenda?

In Russland wurde Umweltschutz und Nachhaltigkeit spÀter thematisiert als in Europa. 2018 startete die staatliche Recyclinginitiative. Mittlerweile gibt es in Russland mehr als 200 Recyclingbetriebe, aber trotzdem werden immer noch weniger als 15 % des Plastiks recycelt. Wir haben also noch einen langen Weg vor uns.

Bei uns hĂ€ngt vieles von der UnterstĂŒtzung der Regierung ab. NatĂŒrlich gibt es schon seit langer Zeit Umweltschutz-Initiativen auf privater Ebene. Diese waren aber bisher meist eher systemische Aktionen von Aktivisten, die gegen die riesigen MĂŒlldeponien nahe ihren Wohnorten protestiert, Naturgebiete vor Abholzung und Verbauung bewahrt oder seltene Tierarten geschĂŒtzt haben. Erst in den letzten 4 Jahren ist es zum massiven Ausbau von Recyclingbetrieben und zum Start großangelegter regionaler und stĂ€dtischer Initiativen gekommen. So werden etwa Umweltfestivals organisiert und in den Schulen findet Unterricht ĂŒber Umweltschutz statt.

 

Kommen wir nun zu Ausstellung selbst: Sie haben sich dazu entschlossen, das recht kontroverse Thema Plastik mit Design zu verbinden. Welche Rolle spielt Plastik im Design?

Seit den 1960ern inspiriert Plastik Designer weltweit. Wir alle kennen so kultige Designs wie jene von Kartell, dem niederlĂ€ndischen Designer Verner Panton oder die PlastikstĂŒhle von Philippe Stark. Viele exklusive Möbel, die in Museumskollektionen oder luxuriösen InnenrĂ€umen landeten, wurden aus Plastik hergestellt.

Bekannte Designer haben schon immer mit Plastik gearbeitet. Ich wĂŒrde sogar sagen, dass dieses Material in Mode kam, weil Designer es verwendeten. Und jetzt freuen wir uns zu sehen, dass die heutige Generation von Designern mit recyceltem Plastik arbeitet.

In den 1960er Jahren hat es sogar eine ganze Bewegung in der Plastikarchitektur gegeben – kleine HĂ€user wie FUTURA sind in verschiedenen LĂ€ndern verkauft worden. Auch die Sowjetunion hat in diese Richtung experimentiert, das war dann die Zeit, als auch synthetische Kleidung modern wurde.

Heute liegt es im Trend, recyceltes Plastik zu verwenden: Unternehmen streiten darĂŒber, wessen Produkte einen höheren Anteil an recyceltem Plastik beinhalten. Das ist ein sehr wichtiger Prozess und wir haben uns entschlossen, mit unserer Fantastic-Plastic-Ausstellung daran teilzunehmen.

 

Könnten Sie uns einige der Highlights der Ausstellung vorstellen? Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?

Ich glaube, eine der wichtigsten Designprojekte, die im Rahmen der Ausstellung prĂ€sentiert werden, sind jene ĂŒber Kinderspielzeug und Kindermöbel. Um eine Generation heranzuziehen, die sich um unseren Planeten kĂŒmmert, neue Materialien entwickelt und Sortier- und Recycling-Maschinen entwirft, mĂŒssen wir das Wiederverwenden und Recycling von Materialien quasi in die DNA unserer Kinder einbauen, sodass diese Prozesse Teil ihres tĂ€glichen Lebens werden.

Bei EcoBirdy (von den in Antwerpen ansÀssigen Designern Joris Vanbriel und Vanessa Yuan) handelt es sich um Kindermöbel, die aus zerbrochenem Plastikspielzeug hergestellt wurden. Das Spielzeug haben Kinder vorbeigebracht, um es recyceln zu lassen. Diese Möbel werden dann von KindergÀrten gekauft, sodass die Kinder aus eigener Erfahrung lernen, dass Plastik recycelt werden kann, dass man aus Spielzeug Möbel und aus Möbeln wieder Spielzeug machen kann.

Ein anderes Designprojekt mit Spielzeug wurde von der niederlÀndischen Firma Muima initiiert. Hier geht es aber nicht nur um irgendein Spielzeug, sondern es handelt sich um Spielzeug, das im Rahmen eines kenianischen Sozialprojektes von studentischen Designern hergestellt wurde. Die Firma bezahlt einen anstÀndigen Lohn an die Zulieferer von recycelbaren Materialien, also an Plastiksammler. Die kenianische Firma beschÀftigt 11 Familien, denen der gesamte Profit zukommt.

Die Ausstellung prĂ€sentiert auch Arbeiten vom Design-Star Dirk Van der Kooij. Er entwickelte einen riesigen Roboterarm, der Möbel in 3D druckt. Damit kreierte er die beiden preisgekrönten Sessel Endless Chair und Chubby Chair. Ein weiteres interessantes Objekt aus recyceltem Plastik ist der A.I. Chair, den Philip Starck mithilfe kĂŒnstlicher Intelligenz kreierte. Und auch Kartell verwendet recyceltes Plastik und rekrutiert dafĂŒr internationale Design-Stars – ganz so wie das damals in den 1960er Jahren mit Virgin Plastic (Anm. neu hergestellter Kunststoff) gemacht wurde.

Die Ausstellung zeigt auch Projekte, die in Zusammenarbeit mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen durchgefĂŒhrt wurden. Die israelische Designerin Shahar Livne fĂŒhrte etwa ein Designprojekt durch, das sich an der Schnittstelle zwischen Design, Biologie und Geologie befindet. Livne erforscht Materialien und entwickelte Lithoplast – ein experimentelles Komposit, das aus der wissenschaftlichen Erforschung zur Bildung neuer Verbindungen in den Gesteinsschichten der Erde entspringt. Dieses Material werden unsere Nachfahren finden, wenn sie in tausenden von Jahren unsere Kulturschicht ausgraben.

Die Ausstellung in Graz wird aber besonders fĂŒr die russischen Aussteller von großer Bedeutung sein. Fantastic Plastic ist die erste Ausstellung, in der sie ihre Werke zeigen können. Die Teilnahme an der Ausstellung im Designmonat Graz wird sie zweifelsohne dazu inspirieren, auch in Zukunft weitere Projekte mit Fokus auf Recycling durchzufĂŒhren.

Ekaterina Lukyanova kreierte wunderbaren Schmuck aus recyceltem Plastik und Masha Puchkova gestaltete eine Kollektion von Kimonos. Das Start-up wurde erst 2021 gegrĂŒndet und auch KĂŒnstler nahmen am Projekt teil. Diese Kimonos und andere aus recyceltem Plastik hergestellte KleidungsstĂŒcke mit verschiedenen Mustern können in einer virtuellen Umkleidekabine anprobiert und anschließend bestellt werden. Eine weitere russische Designerin, Bulyash Todayeva, erstellte Dekoration und Souvenirs aus recyceltem Plastik. Nach ihrem Studienabschluss an der Stroganov Akademie in Moskau (FakultĂ€t fĂŒr Industrial Design) organisierte sie einen Workshop, im Rahmen dessen sie Plastik recycelt und ein Netzwerk von Freiwilligen bildete, die Kurse und gefĂŒhrte Touren durchfĂŒhren.

 

Was ist das Ziel der Ausstellung – die Hauptaussage, die Besucherinnen und Besucher mitnehmen sollten?

Die Ausstellung zeigt, dass man aus recyceltem Plastik machen kann, was man will – KleidungsstĂŒcke, Spielzeug, Inneneinrichtung oder Baumaterialien. Recyceltes Plastik ist ein Material des 21. Jahrhunderts. Jede Plastikart hat natĂŒrlich einzigartige Eigenschaften, aber das Wichtige ist, dass alle Arten verwendet werden können, um dauerhafte Produkte herzustellen: Pier-Bretter oder Bodenplatten aus recyceltem Plastik halten mehr als 100 Jahre.

 

Sind Sie selbst eine leidenschaftliche UmweltschĂŒtzerin und Recyclerin?

Zu Hause trenne ich Plastik von Bio-Abfall und auf der Datscha haben wir einen Komposthaufen. Ich habe keinen Mehraufwand – ich wasche das Plastik einfach, bevor ich es wegwerfe. Und ich versuche, keine PlastiksĂ€cke und kein Wegwerfgeschirr zu verwenden. Aber das Wichtigste, das ich gemeinsam mit Olga Druzhinina und unseren Kollegen vom Moskauer Design Museum gemacht habe, ist, dass wir unsere Ausstellung online gestellt und ein kostenloses Bildungsprogramm mit internationalen Experten organisiert haben. Das ist Ă€ußerst wichtig fĂŒr Russland und alle russischsprachigen LĂ€nder. Und wir freuen uns sehr, dass das Projekt jetzt auch in andere LĂ€nder kommt. Wir möchten uns ganz herzlich bei Graz fĂŒr das Interesse und die Organisation der Ausstellung im Rahmen des Designmonat Graz bedanken.

© Alexandra Sankova
Alexandra Sankova ist die Kuratorin der Ausstellung „Fantastic Plastic“ und Leiterin des Moskauer Design Museums.
Design nach einer Pandemie
von Stuart Walker

Etwa sechs Monate nach der COVID-19-Pandemie veröffentlichten die Vereinten Nationen ihre Research Roadmap for the COVID-19 Recovery (auf Deutsch: Forschungs-Roadmap fĂŒr die Erholung nach COVID-19). Der Bericht zeigt deutlich, dass die Pandemie bereits bestehende globale Unterschiede, Schwachstellen und nicht nachhaltige Praktiken noch deutlicher sichtbar gemacht und ihre Auswirkungen verstĂ€rkt hat. Eine Erholung von ihren Folgen, wird angefĂŒhrt, wĂŒrde erhebliche Anstrengungen in vielen Bereichen erfordern, beispielsweise einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung und dazugehörigen Dienstleistungen und Systemen, sicherere und breitere Sozialprogramme und eine Grundversorgung mit Nahrungsmitteln, Wohnraum und Bildung; Nahrungsmittelsicherheit, die Bereitstellung von Pflegediensten, die Sicherung des Lebensunterhalts und den Schutz von Kleinunternehmen; eine verstĂ€rkte multilaterale Zusammenarbeit sowie Investitionen, Schuldenerlass und regionale Zusammenarbeit in Handelsfragen; die Sicherstellung der Resilienz ökologischer Systeme und ein verbesserter sozialer Zusammenhalt durch Dialog, Interessenvertretungen, Empowerment, faire Dienstleistungen und Good Governance (UN-Roadmap 2020, S. 15–16). Eine lange und durchaus ehrgeizige Liste!
Die GrĂ¶ĂŸenordnung der Forderungen zeigt aber auch, dass der Handlungsbedarf auf globaler Ebene die einzigartige Möglichkeit bietet, Gesellschaften neu zu definieren, wobei der Schwerpunkt auf Menschenrechten und einem tiefen Wandel liegen sollte, die dazu beitragen, eine positivere und hoffnungsvollere Zukunft fĂŒr alle zu gewĂ€hrleisten. Umfang und Tragweite der UN-Agenda bedeuten eine Anerkennung der durch COVID-19 aufgedeckten Schwachstellen und der grundlegenden AbhĂ€ngigkeiten zwischen Menschen, Nationen, Systemen und der natĂŒrlichen Umwelt.

Trotz der AktualitĂ€t und der guten Absichten des UN-Berichts beunruhigt mich der Untertitel des Berichts ‒ Leveraging the Power of Science for a More Equitable, Resilient and Sustainable Future (auf Deutsch: Wissenschaft im Dienste einer gerechteren, belastbareren und nachhaltigeren Zukunft) ‒ dem zufolge die Wissenschaft der Welt die besten Chancen fĂŒr einen positiven Weg in die Zukunft biete. Diese Behauptung ließ mich innehalten. Der Begriff „Wissenschaft“, der allgemein im Sinne von „Naturwissenschaften“ verstanden wird, umfasst hier offensichtlich viele Fachgebiete, einschließlich der Ingenieurwissenschaften und Sozialwissenschaften, sowie Geisteswissenschaften wie Literatur, Geschichte und Religion, die nachweislich keine Wissenschaften sind (UN-Roadmap 2020, S. 14). Von KreativitĂ€t hingegen ist nicht die Rede, und die KĂŒnste werden nur nebenbei erwĂ€hnt. Im Bericht geht es hauptsĂ€chlich darum, die „Macht der globalen Wissenschaft“ zu demonstrieren und die Umsetzung einer Reihe wissenschaftsbasierter Strategien, etwa die Skalierung der Dateninfrastruktur, die Implementierung schneller Lernsysteme und die Mobilisierung von Wissen, zu fördern (UN-Roadmap 2020, S. 6, 9).

Derzeit verlassen wir uns im Umgang mit aktuellen und zukĂŒnftigen Pandemien auf Fortschritte in der Wissenschaft und loben ‒ zu Recht ‒ die HerkulesbemĂŒhungen von WissenschaftlerInnen bei der Entwicklung von Impfstoffen. Kein vernĂŒnftiger Mensch bestreitet ihre enormen BeitrĂ€ge insbesondere zum Gesundheitswesen. Wenn es jedoch darum geht, einen Weg fĂŒr eine Besserung des Zustandes zu finden, besteht die reale Gefahr, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, indem man auf die tieferen und umfassenderen Fragen mit dem Fortschrittsdenken antwortet. Genau dieses jedoch hat dem Menschen selbst, anderen Arten und unserer natĂŒrlichen Umgebung Schaden gebracht.

Die modernen Gesellschaften glauben seit langem an den „Fortschrittsmythos“, den sie selbst erfunden haben. Er wird in erster Linie von den BeitrĂ€gen der Wissenschaft angetrieben und als kontinuierlicher AufwĂ€rtstrend einer Verbesserung verstanden. Die Vereinten Nationen sind offenbar bestrebt, diese Annahme aufrechtzuerhalten und zu fördern, obwohl sie nachweislich falsch ist. FĂŒr sie hat die Wissenschaft weiterhin Vorrang vor anderen Bereichen des menschlichen Wissens und Fachwissens. Allerdings bröckelt der Fortschrittsglaube schon seit einiger Zeit. Die Zukunft hĂ€lt nicht mehr, was sie verspricht – sie ist eher ein Ort der Angst denn der Hoffnung (Sachs, 2010). Wie Philosoph John Gray sagt, legt ein Virus, das enorme Verluste an Menschenleben, Not, die Trennung von Familien und Verlust von Lebensunterhalt, Einkommen, Bildung und Möglichkeiten verursacht hat, die Hohlheit des profanen Fortschrittsglaubens bloß (Gray, 2020). Die Pandemie deckt auf, wie angreifbar wir durch Globalisierung, das Outsourcing von Fertigung und das Niederfahren unserer eigenen ProduktionskapazitĂ€ten geworden sind. Und sie erinnert uns daran, dass wir jene gesellschaftlichen Aufgaben, die fĂŒr ein Funktionieren der Gemeinschaften in schwierigen Zeiten besonders wichtig sind – jene des Gesundheitspersonals, der AltenpflegerInnen, der SupermarktmitarbeiterInnen, ZustellerInnen, MĂŒllsammlerInnen und freiwilligen HelferInnen in der stĂ€dtischen Essensausgabe – besser anerkennen.

Die weitreichenden Ziele der Vereinten Nationen fĂŒr eine erfolgreiche Erholung nach der Krise können nicht allein durch BeitrĂ€ge der Wissenschaft erreicht werden, sondern erfordern einen weitaus ganzheitlicheren Ansatz. Einen Ansatz, der auch die Expertise von PĂ€dagogInnen, PhilosophInnen, LinguistInnen, politischen EntscheidungstrĂ€gerInnen, KĂŒnstlerInnen und VertreterInnen der angewandten Kunst integriert. Und er erfordert jenes gemeinsame Denken, das fĂŒr das traditionelle Wissen so grundlegend ist, wie bestimmte WissenschaftlerInnen (Walker, 2021, S. 121) bereits erkannt haben. Nur wenn wir uns kreativere, einfallsreichere Wege vorstellen und integrierte, ausgewogene und kontextuelle AnsĂ€tze verfolgen, können wir sicherstellen, dass unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse und technologischen FĂ€higkeiten von humanen, ethischen und fairen Entwicklungsformen begleitet und in bestimmten FĂ€llen von diesen gemildert werden.

Wenn wir tatsĂ€chlich eine nachhaltigere, inklusivere und belastbarere Zukunft fĂŒr alle schaffen wollen, mĂŒssen wir den Perspektiven und Glaubenssystemen anderer viel mehr Aufmerksamkeit zollen ‒ ebenso wie PrioritĂ€ten und Bestrebungen, die ĂŒber den weltlichen Pragmatismus hinausgehen ‒ Werten, die Selbst und Selbstsucht transzendieren und MitgefĂŒhl, Empathie, NĂ€chstenliebe, Menschlichkeit und Erhaltung fördern. Eine stĂ€rkere BerĂŒcksichtigung dieser Eigenschaften ermöglicht es uns, die BeitrĂ€ge der Wissenschaft in den grĂ¶ĂŸeren Kontext der Bedeutung des Menschen und dessen Stellenwerts zu stellen. Sie tragen dazu bei, unsere BemĂŒhungen nach Werten auszurichten, die das Gemeinwohl vor das Eigeninteresse stellen, die Sorge um andere und die Natur betonen und die Besonderheiten von Ort, Kontext und Tradition respektieren.

Zu solch einem neuen Ansatz gehören auch unsere persönlichen Einstellungen und Bestrebungen. Unser Eifer, etwas zu tun, ist möglicherweise ĂŒbersteigert – stĂ€ndig organisieren, starten, verkĂŒnden, forschen, ĂŒberlegen, innovieren und entwickeln wir etwas weiter. Über dieser Rastlosigkeit haben wir womöglich die FĂ€higkeit, einfach nur zu sein verloren. Der Weg zur Erholung könnte und sollte viel weniger Tun und viel mehr Sein, Sehen, Zuhören, Nachdenken und WertschĂ€tzen beinhalten. So könnten wir von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren und gleichzeitig unsere Maßnahmen ĂŒberlegter, gerechter und sensibler auf die BedĂŒrfnisse und die Natur der Menschen abstimmen.

Kierkegaard zufolge ist das Ethische als solches das Allgemeine, und die ethische Aufgabe des Einzelnen, sich selbst immerzu in diesem auszudrĂŒcken, sein Einzelsein aufzuheben, um das Allgemeine zu werden (Kierkegaard, 2020, S. 237). Wer sich selbst verleugnet und sich der Pflicht aufopfert, der gibt das Endliche auf, um das Unendliche zu ergreifen (Kierkegaard, 2020, S. 245).

FĂŒr DesignerInnen bedeutet das nicht, den eigenen Sinn fĂŒr kreativen Ausdruck aufzugeben, weil es jemand anders so verlangt. Es bedeutet vielmehr, egoistische Tendenzen in der Designpraxis zugunsten eines sinnstiftenden Beitrags links liegen zu lassen ‒ Design als Opfer und Verpflichtung. Vielleicht kann dies nie ganz erreicht werden, aber mit diesem höheren Zweck zu entwerfen ist mit Sicherheit ein edleres Ziel, als sich durch die kleineren, niedrigeren Horizonte seines Selbst einzuschrĂ€nken. Ein solcher Weg befĂŒrwortet kein universelles Design in EinheitsgrĂ¶ĂŸe – im Gegenteil: Es ist ein Ich-loses Design, das sich naht- und schadlos in die Welt einfĂŒgt, indem es die EinschrĂ€nkungen und UmstĂ€nde des Spezifischen berĂŒcksichtigt. DesignerInnen mĂŒssen die Besonderheiten des Kontextes beobachten, ihnen zuhören und sich mit ihnen vertraut machen.

Wie aber können DesignerInnen sichergehen, dass ihre Vorgehensweise die richtige ist? Sie können ihre Verantwortung nicht einfach an andere, die „Gesellschaft“ oder den Staat abgeben. Anderen das Wort reden oder einfach nur Vorschriften einzuhalten bedeutet, sich niemals den ethischen Fragen zu stellen, die fĂŒr das moderne Design so wichtig sind. Wenn DesignerInnen auf ihre Verantwortung verzichten, verzichten sie auch auf die Chance, zu wachsen – ob als PraktikerInnen oder als Individuen. Mehr noch: DesignerInnen dĂŒrfen nicht wieder ‚das Ergebnis ihrer Arbeit beurteilen‘. Wenn man sich auf einen Designprozess einlĂ€sst, gibt es noch kein Ergebnis. DesignerInnen mĂŒssen sich „en route“, also wĂ€hrend ihres Schaffens mit diesen ethischen Problemen befassen und unzĂ€hlige Entscheidungen treffen, die insgesamt das Ergebnis bestimmen. Sie können dies nicht nachtrĂ€glich tun. Falls die DesignerInnen, die handeln sollen, sich selbst nach dem Ausfall beurteilen wollen, so gelangen sie nie dahin, anzufangen (Kierkegaard, 2020, S. 248).

All diese kleinen Entscheidungen auf dem Weg werden, ob richtig oder falsch, in das Ergebnis eingebettet und sind nicht von diesem zu unterscheiden. DesignerInnen mĂŒssen daher irgendetwas in der Hand haben, um sich zu vergewissern, dass sie am richtigen Ausgangspunkt anfangen, und sie mĂŒssen bei jedem ihrer Schritte wachsam sein. Der Prozess erfordert eine Kombination aus Preisgabe und Vertrauen – Preisgabe eigener PrioritĂ€ten und Vertrauen in eine grĂ¶ĂŸere, höhere Vision. Dies bedeutet, auf den kreativen Prozess und die Entscheidungen zu vertrauen, die man trifft, ohne aber alle Informationen zu kennen, alle Daten zu haben, ohne das ganze Bild zu sehen und ohne genau zu wissen, wie das Ergebnis aussehen wird. Fehler sind unvermeidbar – wir werden welche machen –, aber Zweifel und Ängste vor dem Scheitern dĂŒrfen uns nicht lĂ€hmen oder daran hindern, nach Höherem zu streben.

Die UN-Roadmap verweist auf eine Reihe großmaßstĂ€blicher Dilemmata und Probleme, die ĂŒber den Rahmen und die Aufgabenstellung einzelner DesignerInnen hinausgehen; StĂ€rkung des Gesundheitswesens, Ausweitung der Sozialprogramme, Aufbau multilateraler Kooperationen, Verbesserung des sozialen Zusammenhalts usw. Auf alle FĂ€lle mĂŒssen Designer ihren Part spielen, und wie immer ihr spezifischer Fachbereich beschaffen sein mag ‒ die DesignerInnen werden mit praktischen Fragen zu Details von Form, Funktion, Benutzerfreundlichkeit und Erschwinglichkeit konfrontiert. Die Diskussion sollte daher weniger auf große PlĂ€ne in einer unbestimmten Zukunft als vielmehr auf das Wesentliche, auf die AlltagstĂ€tigkeiten der Gegenwart abstellen. DesignerInnen mĂŒssen im Hier und Jetzt Entscheidungen treffen, wenn sie ein bestimmtes Designergebnis entwickeln. DesignerInnen arbeiten im entscheidenden Moment, wenn Theorie auf Praxis trifft.

Diese Themen sind besonders wichtig, wenn es darum geht, aus der COVID-19-Pandemie zu lernen und eine gerechtere, fĂŒrsorglichere, umweltbewusstere und sicherere Zukunft aufzubauen. Die Pandemie fĂŒhrte zumindest in den frĂŒhen Stadien des Lockdowns zu einer dramatischen Verringerung der Luftverschmutzung: keine Kondensstreifen am Himmel, die Aussicht klar und hell; Wildtiere durchstreiften die Stadt und in der merklich stilleren Welt zwitscherten wieder die Vögel. Das Virus bietet uns die Gelegenheit, innezuhalten und die Welt und uns selbst klarer zu sehen – ohne die GeschĂ€ftigkeit, Ablenkungen und die Hetze, zu dem das moderne Leben geworden war. Ein Leben, in dem niemand mehr Zeit hatte und geneigt war, zu schauen, zuzuhören oder wirklich nachzudenken (Williams, 2020, S. 4–22).

Die durch die Pandemie verursachte soziale Distanz half uns zu erkennen, wie wichtig Familie, FreundInnen, NachbarInnen und Gemeinschaft und ihr Beitrag zur Bereicherung unseres Lebens durch ihre bloße Anwesenheit sind. An diesen Punkt mĂŒssen wir anknĂŒpfen, wenn wir „Design“ neu interpretieren ‒ fĂŒr nachhaltigere, gerechtere und belastbarere Lebensweisen mit mehr Engagement fĂŒr die Menschen und Orte, an denen wir uns befinden. Ein Engagement mit dieser Perspektive, statt vagen Visionen, abstrakten und anonymen Konzepten, fĂŒr AktivitĂ€ten, die einen direkten, zwischenmenschlichen Kontakt implizieren, wo wir andere als vollwertige Menschen sehen und besser in der Lage sind, uns der konkreten Auswirkungen unserer Entscheidungen bewusst zu werden, das ist, wie Papanek sagt, ein Design for the real world: offen, ehrlich, mit gutem Gewissen und verantwortungsvoll.

In dieser Weiterentwicklung mĂŒssen wir uns davor hĂŒten, die Fehler der Moderne zu wiederholen, die uns alles umfassende Visionen einer idealen Welt aufzwingen wollte, einer Welt unabhĂ€ngig von den Instinkten, Bestrebungen und WĂŒnschen gewöhnlicher Leute (Scruton, 2016, S. 65–85). DesignerInnen können einen wertvollen Beitrag leisten, wenn sie ihre Behutsamkeit, ihre Liebe zum Detail, ihre Ă€sthetische SensibilitĂ€t und ihren Sinn fĂŒr moralische Rechtschaffenheit in die Schaffung all der Alltagsdinge einfließen lassen. Sie können eine Art Design verfolgen, das dem Ort verpflichtet ist und ihn achtet, und so dazu beitrĂ€gt, eine Welt zu schaffen, in der wir uns zugehörig fĂŒhlen. Das bedeutet ein Design ohne großen Gestus, das sich auf BewĂ€hrtes stĂŒtzt und mehr BestĂ€ndigkeit und StabilitĂ€t vermittelt. Es ist eine Form des Designs, die zum Aufbau von KapazitĂ€ten und von Expertise innerhalb der Gemeinschaft und zu nĂŒtzlicher, erfĂŒllender BeschĂ€ftigung beitrĂ€gt. In der Forschung unter meiner Leitung in den vergangenen Jahren haben wir festgestellt, dass viele kleine Herstellerunternehmen dies bereits tun. Sie motivieren sich eher nicht durch Geld oder die stĂ€ndige VergrĂ¶ĂŸerung ihrer GeschĂ€fte, sondern möchten einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten, nachhaltige Arbeitsweisen entwickeln und verantwortungsvolle, umweltfreundliche Ergebnisse erzielen. Die UnterstĂŒtzung und Förderung solcher Unternehmen und das Entwerfen mit ihnen kann einen Domino-Effekt haben. Sie können zur Senkung der öffentlichen Ausgaben in Sektoren wie Abfallentsorgung und Sanierung ebenso beitragen wie zur Drosselung des Verkehrsaufkommens und der Luftverschmutzung. Sie können lokale, inklusive BeschĂ€ftigungsformen schaffen und das Beste aus lokalen Ressourcen und sonstigen lokalen WirtschaftsgĂŒtern herausholen, gemeindenahe Lösungen aller Art und eine robuste, resiliente und stark diversifizierte Wirtschaft fördern. Wie Sachs bereits sagte, „entsteht nur an solchen Orten Vielfalt, an denen Menschen ihre Gegenwart in ihre ganz spezifische Geschichte einweben
 Sowohl in der Kultur als auch in der Natur liegt in der DiversitĂ€t das Potenzial fĂŒr Innovationen und eröffnet den Weg fĂŒr kreative, nichtlineare Lösungen.“ (Sachs, 2010).

Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, kollaborative Mehrgenerationenunternehmungen aufzubauen, die in der Lage sind, jene Dinge zu bewahren, die wir am meisten schĂ€tzen (Scheffler, 2013, S. 33). Dies bedeutet, Überschuss, Überproduktion und Abfall zu eliminieren und sich auf die Aspekte zu konzentrieren, die aus unseren EntwĂŒrfen konkrete Ausdrucksformen von Menschen, Orten und Traditionen sowie Manifestationen kultureller Bedeutung und QualitĂ€t machen.

 

Stuart Walker © magination Lancaster

Professor Stuart Walker hat den Lehrstuhl fĂŒr Design fĂŒr Nachhaltigkeit an der Lancaster University in Großbritannien inne, wo er das ImaginationLancaster Design Research Lab mitbegrĂŒndet hat. Er ist außerdem Gastprofessor fĂŒr Nachhaltiges Design an der Kingston University in London und emeritierter Professor an der University of Calgary in Kanada. Seine Forschung untersucht ökologische, soziale und spirituelle Aspekte der Nachhaltigkeit. Seine konzeptuellen Designarbeiten wurden international ausgestellt. Zu seinen zahlreichen Publikationen gehörten unter anderem Sustainable by Design; Design for Life und Design Realities.

www.stuartwalker.org.uk

Literaturverweise

  • UN Roadmap (2020) UN Research Roadmap for the COVID-19 Recovery: Leveraging the Power of Science for a More Equitable, Resilient and Sustainable Future, Vereinte Nationen, New York, NY, November 2020, S. 15–16, in: https://www.un.org/en/pdfs/UNCOVID19ResearchRoadmap.pdf, Stand 11. Februar 2021.
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